Österreich: Journalismus im Ausverkauf – Der Boulevard ist immer und überall – Keine Zeit für Moral – Am Boulevard machen alle mit – Wie die Polizei Schleichwerber laufen lässt – Lizenz zum Schreiben – Krieg der Chefredakteure – „Schleichwerbung ist tägliche Praxis“ – „Teil unseres redaktionellen Konzepts“ Vier Verdachtsfälle pro Ausgabe – DANKE AN DOSSIER.AT (unterstützenswert!)

Finanzmarkt- und Konzernmacht-Zeitalter der Plutokratie unterstützt von der Mediakratie in den Lobbykraturen der Geld-regiert-Regierungen in Europa, Innsbruck am 07.09.2016

Liebe® Blogleser_in,

Bewusstheit, Liebe und Friede sei mit uns allen und ein gesundes sinnerfülltes Leben wünsch ich ebenfalls.

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Der Boulevard ist immer und überall

Es ist 10.58 Uhr, als ein Mann die Bank be­tritt. Alarm: Bank­über­fall! Eine Mi­nu­te spä­ter be­gin­nen Po­li­zis­ten den Ein­gangs­be­reich ab­zu­sper­ren. Sie waren zu­fäl­lig auf Strei­fe, in der Nähe der Ba­wag-Fi­lia­le auf der Wie­ner Ma­ria­hil­fer Stra­ße. Nie­mand darf mehr hin­ein, es ist ein Ernst­fall: In der Bank wer­den sie­ben Men­schen als Gei­seln fest­ge­hal­ten – umso ab­sur­der ist das, was sich an die­sem 27. Fe­bru­ar 2007 noch ab­spie­len wird.

Zehn Geh­mi­nu­ten ent­fernt, im News­room der Ta­ges­zei­tung Ös­ter­reich, stellt der Jour­na­list Arpad Hagyo ge­ra­de einen Ar­ti­kel über einen me­di­zi­ni­schen Kunst­feh­ler fer­tig. Dann mel­det sich der Chronik­re­por­ter zum ak­tu­el­len Dienst. Der Über­fall mit Gei­sel­nah­me ist be­reits in vol­lem Gange. „Es gab eine kurze Be­spre­chung mit sechs oder sie­ben Kol­le­gen. Einer hat dar­über re­fe­riert, was man zu die­sem Zeit­punkt über den Bank­über­fall wuss­te“, er­in­nert sich Hagyo heute. Für die Jour­na­lis­ten ist klar: Es ist kein ge­wöhn­li­cher Bank­über­fall, es heißt, der Mann wolle kein Geld. „Mir ist der Ge­dan­ke ge­kom­men: Ich ver­su­che mal, mit ihm zu reden“, sagt Hagyo. 

„I hob nix zu verlieren“, Täglich Alles
 

Wäh­rend einer Gei­sel­nah­me? Das hatte es in Ös­ter­reich schon ein­mal ge­ge­ben: 1993, als ein Jour­na­list der mitt­ler­wei­le ein­ge­stell­ten Bou­le­vard­zei­tung Täg­lich Alles einen Gei­sel­neh­mer an­ruft – das Gei­sel­dra­ma endet blu­tig. Ha­gy­os Chefs ni­cken den Vor­schlag ab, er schlägt die Num­mer der Bank im Te­le­fon­buch nach und wählt. Zu sei­ner Ver­blüf­fung ist die Lei­tung offen, Se­kun­den spä­ter hat er den Gei­sel­neh­mer am Ap­pa­rat.

Heute, fast zehn Jahre spä­ter, nennt Hagyo das Te­le­fo­nat und das, was fol­gen soll­te, seine „schlimms­te Er­fah­rung“ bei Ös­ter­reich – auch wenn er es war, der die Idee dazu hatte. Hagyo blickt nicht gern auf seine Zeit als Jour­na­list bei Ös­ter­reich zu­rück. Er ist nicht der Ein­zi­ge. DOS­SIER hat mit fast zwei Dut­zend ehe­ma­li­gen Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­tern ge­spro­chen; dar­über, wie es ist, bei Ös­ter­reich, der bun­des­weit viert­größ­ten Ta­ges­zei­tung, zu ar­bei­ten und wie es dazu kommt, dass jour­na­lis­ti­sche Gren­zen über­schrit­ten wer­den. Nur we­ni­ge wol­len wie Hagyo na­ment­lich zi­tiert wer­den. Zu groß ist ihre Angst, ihre Kar­rie­re zu ge­fähr­den, oder davor, was sonst kom­men könn­te. Viele sind aber be­reit, ihre Aus­sa­gen vor Ge­richt zu wie­der­ho­len: Sie er­zäh­len, wie Ar­ti­kel nach den Re­geln der Bou­le­vard­kunst zu­ge­spitzt wer­den, wie Fak­ten ver­dreht und Ex­klu­siv-In­ter­views er­fun­den wer­den. Und sie spre­chen von Druck, von ge­wal­ti­gem Druck. Dem Druck zu lie­fern: das In­ter­view, das Foto, die Story – ohne Rück­sicht auf Ver­lus­te. 

Wolfgang Fellner (62), Österreichs #1 (Foto: Heribert Corn)
 

Die­ser Druck kommt bei Ös­ter­reich aus der Mitte des rund 2.400 Qua­drat­me­ter gro­ßen News­rooms in der Fried­rich­stra­ße 10, nahe dem Wie­ner Karls­platz. Hier sit­zen die Chef­re­dak­teu­re, hier sitzt Wolf­gang Fell­ner. Grün­der, Ei­gen­tü­mer, Her­aus­ge­ber, kurz WoFe ge­nannt, der Boss der Zei­tung. Ein Voll­blut­jour­na­list. Einer, von dem Kol­le­gen sagen, er habe den rich­ti­gen Rie­cher, das Ge­spür für eine Story – und eine Mis­si­on: Zei­tun­gen ver­kau­fen.

Ich wollte eine positive Zeitung machen, für eine Stadt, von der ich das Gefühl habe, dass sie sich positiv entwickelt, dass die Integration zu funktionieren beginnt; dass sie ein rot-grünes Modell ist, was ich spannend finde. Da wollte ich eine positive Zeitung machen. Das gelingt leider nicht jeden Tag, muss ich ehrlich sagen, weil leider auch in Wien viele Dinge sind, die nicht lustig sind: Ärztestreik, Kindergarten-Problem, steigende Kriminalität.

 

„Ich bring euch alle um“

Für Auf­la­ge und Reich­wei­te über­schrei­ten Zei­tun­gen schon Gren­zen, seit Kin­der Schlag­zei­len auf der Stra­ße, dem Bou­le­vard, aus­rie­fen und damit den Namen präg­ten. Nicht nur in, nicht nur bei Ös­ter­reich. Eines, das den Bou­le­vard der Marke Wolf­gang Fell­ner ab­hebt, ist des­sen Um­gang nach innen, mit sei­nen Mit­ar­bei­tern. Denn Fell­ner kann sein wie seine Schlag­zei­len: laut. Seine Wut­aus­brü­che sind nichts für schwa­che Ner­ven: „Trot­tel“ oder „Arsch­lö­cher“ be­schimpft er seine Leute, wenn Feh­ler pas­sie­ren oder etwas nicht so läuft, wie er es gerne hätte. Dro­hun­gen wie „Ich knall euch eine“ oder „Ich bring euch alle um“ brüllt er durch den News­room. Kein leich­tes Pflas­ter, auch wenn er es oft gar nicht so mei­nen mag. „Ein Kol­le­ge hat Wolf­gang Fell­ner wegen des­sen har­scher, aber be­grün­de­ter Kri­tik an einer be­reits fer­ti­gen Seite mit Trä­nen in den Augen an­ge­se­hen“, er­zählt ein ehe­ma­li­ger Mit­ar­bei­ter. „Fell­ner hat das be­merkt und zu ihm ge­sagt: ‚Heast Oida, ver­steh mi rich­tig, i mein ned di, i komm von der Sache. Die Seite is miss­lun­gen‘.“

„Es flie­gen ab und an die Fet­zen und so man­ches harte Fä­kal­wort“, schreibt Ös­ter­reich-Chef vom Dienst, János Aladár Fehérváry, via Face­book an die DOS­SIER-Re­dak­ti­on. „Aber das ist pure pu­bli­zis­ti­sche Dia­lek­tik vor un­ter­neh­me­ri­scher Rea­li­tät, wel­che die Pro­duk­te und die Ösi-Ge­sell­schaft be­rei­chern.“ Wer die Fell­ners nicht packe, der oder die solle 

„zur toten staat­li­chen ,Wie­ner Zei­tung‘ oder zum in Schön­heit ster­ben­den ,Datum‘ gehen. Wer je­doch Me­di­en wirk­lich ma­chen will, davon und damit leben will, der oder die ist in die­sem Fell­ner-Ir­ren­haus gut auf­ge­ho­ben.“

Das sehen et­li­che ehe­ma­li­ge Ös­ter­reich-Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten an­ders. Man­che gin­gen schon we­ni­ge Mo­na­te nach dem Start der Zei­tung am 1. Sep­tem­ber 2006. Da­mals be­schäf­tig­te Ös­ter­reich 194 Re­dak­teu­rin­nen und Re­dak­teu­re. Ob­wohl Auf­la­ge und Me­di­en­grup­pe wuch­sen, re­du­zier­te sich der Per­so­nal­stand in den ers­ten zwei Jah­ren auf 150 Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten, wie Da­nie­la Kraus und Andy Kal­ten­brun­ner in der Stu­die „Was Ös­ter­reich be­wegt“ schrei­ben. Auf Face­book gibt es mitt­ler­wei­le die Grup­pe „Wir waren Ös­ter­reich“, zur­zeit hat sie 162 Mit­glie­der. Und auf der On­line-Job­platt­form Kun­unu, wo man an­onym Er­fah­run­gen über Ar­beit­ge­ber be­rich­ten kann, fin­den sich 21 Be­wer­tun­gen zur „Me­di­en­grup­pe ‚Ös­ter­reich’ GmbH“. Ein Nut­zer be­wer­tet die Ar­beit klar po­si­tiv: „Top-Ar­beit­ge­ber mit viel Ge­stal­tungs­spiel­raum“. Die an­de­ren Be­wer­tun­gen sind we­ni­ger schmei­chel­haft: Von „Burn-out-Ga­ran­tie“, „cho­le­ri­sches Ma­nage­ment“, „Chaos und leere Ver­spre­chun­gen“ ist zu lesen, und: „Keine Zeit für Re­cher­che.“ „In­ter­views wur­den hin­ter­rücks um­ge­schrie­ben.“

Keine Zeit für Moral

„Von ihm be­schimpft zu wer­den ist ent­wür­di­gend und be­las­tet noch mehr, weil es in aller Öf­fent­lich­keit ge­macht wird“, sagt Chris­ti­an Nusser. Fast 20 Jahre lang hat er mit Wolf­gang Fell­ner zu­sam­men­ge­ar­bei­tet. Zu­erst zehn Jahre beim News-Ver­lag, ab 2005 als „Mit­ar­bei­ter Num­mer 2“, wie er es nennt, beim da­mals in der Ent­wick­lung ste­cken­den Ta­ges­zei­tungs­pro­jekt. Bis 2012 war Nusser schließ­lich Chef­re­dak­teur beiÖs­ter­reich, seit­her lei­tet er die Re­dak­ti­on der Gra­tis­zei­tung Heute, der gro­ßen Kon­kur­ren­tin am Gra­tis­zei­tungs­markt. 

Neben Fell­ners Art hat Nusser noch eine Er­klä­rung für die jour­na­lis­ti­schen Grenz­über­trit­te, die Ös­ter­reich seit zehn Jah­ren be­glei­ten: Pro­duk­ti­ons­druck. „Ich weiß nicht, ob es eine Zei­tung gibt, die einen grö­ße­ren Stress hat“, sagt Nusser. Es sei diese Viel­zahl an Bü­chern, an Mu­ta­tio­nen, Re­gio­nal- und Son­der­bei­la­gen. „Das alles zu pro­du­zie­ren, er­zeugt bei den Mit­ar­bei­tern einen un­fass­ba­ren Druck. Da kom­men selbst Men­schen mit einem ge­wis­sen Grun­de­thos ins Schleu­dern, weil nicht die Zeit bleibt, sich 15 Mi­nu­ten zu über­le­gen, ob das jetzt passt oder nicht. Es ist ein Stress, der auf Dauer ge­sund­heits­schä­di­gend ist. Viele der Dinge, die pas­sie­ren, sind dem ge­schul­det.“

Wie am Tag des Bank­über­falls im Fe­bru­ar 2007. Auch da­mals ging alles schnell. „Es war kein gutes Ge­spräch“, er­in­nert sich Hagyo an das Te­le­fo­nat mit dem Gei­sel­neh­mer. „Ich habe der Chef­re­dak­ti­on ge­mel­det, dass es zum Ein­stamp­fen ist.“ Seine Chefs schi­cken ihn vor die Bank, wo sich der Täter gegen 16 Uhr stellt. Alle Gei­seln blei­ben un­ver­sehrt, zu­min­dest kör­per­lich. Die Ge­schich­te des Bank­über­falls geht indes um die Welt. Auch Hagyo ist nun ein Teil von ihr; der Jour­na­list, der mit sei­nem Anruf wo­mög­lich Men­schen­le­ben in Ge­fahr ge­bracht hat. Als er in die Re­dak­ti­on zu­rück­kommt, emp­fängt ihn ein Kol­le­ge mit den Wor­ten: „Du wirst jetzt ein Su­per­star. Dein In­ter­view wurde on­line ge­stellt.“ Hagyo sei die Spu­cke weg­ge­blie­ben, wie er heute sagt. 

Covermacher Fellner

Die Ent­schei­dung, das In­ter­view zu ver­öf­fent­li­chen, war in sei­ner Ab­we­sen­heit ge­trof­fen wor­den. In der Mitte des News­rooms. Nicht nur das, auch die wei­te­re Be­richt­er­stat­tung und wie mit alle dem um­zu­ge­hen sei, war klar: Wäh­rend Po­li­zei und Me­di­en Ha­gy­os Vor­ge­hen kri­ti­sie­ren, er­teilt ihm Fell­ner Re­de­ver­bot. Trotz­dem gibt er zwei In­ter­views, der Nach­rich­ten­agen­tur APA und dem Ma­ga­zin Datum, um sei­nen Stand­punkt zu er­klä­ren. Er wird ver­warnt. Fell­ner er­klärt der APA, der Feh­ler liege bei der Po­li­zei, weil diese die Lei­tung nicht ge­kappt hätte. Über­haupt, es wäre bes­ser, „wenn man sich bei uns be­dan­ken würde“, so der Her­aus­ge­ber da­mals. Die Gei­sel­nah­me sei kurz nach dem Te­le­fo­nat zu Ende ge­gan­gen. Ge­gen­über dem Stan­dard wird er sagen, das „scherz­haft“ ge­meint zu haben.

Die Zei­tung des nächs­ten Tages ist kein Scherz. Auf der Ti­tel­sei­te sind eine Gei­sel und der Täter zu sehen. Beide nicht un­kennt­lich ge­macht, der Täter mit er­ho­be­nen Hän­den und einem nas­sen Fleck im Schritt. Ein Pfeil weist auf die­sen. „Wolf­gang Fell­ner woll­te das so“, sagt Claus Rei­tan, von 2006 bis 2008 einer der Ös­ter­reich-Chef­re­dak­teu­re und mit­ver­ant­wort­lich für die da­ma­li­ge Be­richt­er­stat­tung. „Das ist eine ei­gen­tü­mer­ge­führ­te Zei­tung“, da gebe es wenig Spiel­raum für Dis­kus­sio­nen: „Das Wort ist der Wille, und der Wille fin­det die Worte.“

Titelseite, 28. Februar 2007
 

„Jedes Cover macht er ent­we­der selbst oder er gibt es frei“, sagt Chris­ti­an Nusser, „egal, wo auf der Welt er ge­ra­de ist.“ Selbst von sei­nen Vil­len auf Ibiza und in Ma­li­bu habe Fell­ner di­rek­ten Zu­griff auf das Re­dak­ti­ons­sys­tem. Geht es um Ös­ter­reich, ist er immer und über­all – auch wenn Fell­ner das, wie vie­les an­de­re, im In­ter­view mit DOS­SIER und dem Fal­ter be­strei­tet: „Ich bin nicht mehr als ope­ra­ti­ver Chef­re­dak­teur im News­room tätig, so wie ich das ein­mal bei News war.“ Er ar­bei­te als Ge­schäfts­füh­rer und als Er­fin­der neuer Pro­duk­te – wie dem ak­tu­el­len Pro­jekt, dem In­ter­net-Fern­seh­sen­der oe24.TV.

„Ich schrei­be mit Aus­nah­me mei­nes Kom­men­tars nach­weis­lich keine Ge­schich­ten sel­ber, ab­ge­se­hen von zehn­mal im Jahr, wo ich die Sonn­tags­zei­tung ge­stal­te. In der Früh nehme ich an der Sit­zung teil, wenn es sich aus­geht. Da wer­den viele Ge­schich­ten be­spro­chen, und da bin ich si­cher in­vol­viert, aber sonst de­fi­ni­tiv nicht. Wer das be­haup­tet, hat keine Ah­nung vom Ta­ges­ab­lauf bei ,Ös­ter­reich‘, weil es gar nicht mög­lich ist, dass sie als Ge­schäfts­füh­rer mit zig Ter­mi­nen am Tag noch in Ge­schich­ten ein­grei­fen.“

„Jeder in der Re­dak­ti­on hat einen klei­nen Mann im Kopf, der Wolf­gang Fell­ner heißt“, sagt Chris­ti­an Nusser. Er ist mit allen Ge­sprächs­part­ner auf einer Linie: Fell­ner ar­bei­tet von früh bis spät, er ist ein Me­di­en­jun­kie – und einer, der weiß, wie man Schlag­zei­len macht, das Ex­tre­me fin­det. Be­son­ders be­liebt: Wet­ter­ge­schich­ten, wie ein ehe­ma­li­ger Mit­ar­bei­ter sagt: „Der Mons­ter­sturm. Die Me­ga-Kalt­front. Oder: Die Erde friert zu.“ Beim Wet­ter kann man be­kannt­lich falsch lie­gen. Bei einem Li­ve­ti­cker von dem Be­gräb­nis eines Kin­des, wie ihn „oe24.at“, das On­lin­e­por­tal der Zei­tung, fünf Jahre nach dem Bank­über­fall ein­rich­tet, nicht.

Arpad Hagyo be­reut es da­mals wie heute, in der Bank an­ge­ru­fen zu haben. Er wird ein Jahr spä­ter kün­di­gen. Im Zu­sam­men­hang mit dem Über­fall muss sich Fell­ners Ta­ges­zei­tung seit­her den Vor­wurf des „Hyä­nen­jour­na­lis­mus“ ge­fal­len las­sen. Der eins­ti­ge Ku­rier-Chef­re­dak­teur Chris­toph Ko­tan­ko hat ihn er­ho­ben – „ein Wert­ur­teil, das jeder ge­brau­chen darf“, wie Fell­ner heute sagt. Doch der Anruf in der Bank war an die­sem Tag nicht das ein­zi­ge Ab­sur­de, dass sich rund um die Gei­sel­nah­me er­eig­ne­te. Drau­ßen vor der Bank stel­len An­rai­ner noch wäh­rend des Ver­bre­chens die Boxen ihrer Ste­reo­an­la­ge ins Fens­ter und spie­len einen Hit der Ers­ten All­ge­mei­nen Ver­un­si­che­rung (EAV) ab: „Ba-Ba-Bank­über­fall. Das Böse ist immer und über­all.“ So ist er eben, der Bou­le­vard.


Das war Teil eins un­se­rer Ar­ti­kel­se­rie an­läss­lich des zehn­jäh­ri­gen Ju­bi­lä­ums der Ta­ges­zei­tung „Ös­ter­reich“. In den kom­men­den Tagen wer­den wir be­rich­ten, wel­che an­de­ren Gren­zen von „Ös­ter­reich“ und im Namen des Her­aus­ge­bers über­schrit­ten wer­den.

Sie wer­den lesen, wie es einem Mäd­chen er­ging, das als Min­der­jäh­ri­ge öf­fent­lich bloß­ge­stellt wurde. Wir wer­den zei­gen, wie Wolf­gang Fell­ner Men­schen unter Druck setzt, wie er re­dak­tio­nel­le Be­richt­er­stat­tung an Un­ter­neh­men ver­kauft und gleich­zei­tig von öf­fent­li­chen In­se­ra­ten pro­fi­tiert.

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Lizenz zum Schreiben

Se­li­na hat nicht gut ge­schla­fen. Es ist die Auf­re­gung vor dem ers­ten Tag an der neuen Schu­le, die die 16-Jäh­ri­ge lang wach­ge­hal­ten hat. Doch nichts wird kom­men, wie sie es sich vor­ge­stellt hat. Beim Früh­stück über­bringt ihre Mut­ter die Nach­richt: Se­li­na, du stehst in der Zei­tung. Ein Foto von ihr ist groß auf der Ti­tel­sei­te, da­ne­ben die Schlag­zei­le: „Wegen einer Ratte: Kanz­ler-Toch­ter fliegt von der Schu­le.” Das Foto zeigt Se­li­na auf ihrem ers­ten Schul­ball, eine Ratte wurde durch Fo­to­mon­ta­ge auf ihre Schul­ter ge­setzt – doch nicht nur das Foto, auch die Mel­dung ist falsch. Es ist der Hö­he­punkt der me­dia­len Bloß­stel­lung, die sie seit mehr als einem Jahr er­fährt.

Österreich-Titelseite und ganzer Artikel, 09.09.2008
 

Heute ist Se­li­na Gu­sen­bau­er 24 Jahre alt. Von Jän­ner 2007 bis De­zem­ber 2008 war ihr Vater Bun­des­kanz­ler der Re­pu­blik Ös­ter­reich. Im sel­ben Zeit­raum ist Se­li­na re­gel­mä­ßig auf den Klatsch­sei­ten von Bou­le­vard­zei­tun­gen wie Ös­ter­reich zu sehen. Die De­mü­ti­gung, die sie da­mals er­tra­gen muss­te, ist für sie noch immer ge­gen­wär­tig.

Se­li­na ist nicht die Ein­zi­ge, die in den ver­gan­ge­nen zehn Jah­ren der Be­richt­er­stat­tung von Wolf­gang Fell­ners Gra­tis­zei­tung zum Opfer ge­fal­len ist. Für die Story ist so gut wie jedes Mit­tel recht: Etwa ein Li­ve­ti­cker von einem Kin­der­be­gräb­nis, den Ös­ter­reich ein­rich­tet – ein sie­ben­jäh­ri­ger Bub war vom ei­ge­nen Vater er­schos­sen wor­den. Manch­mal ist die Be­richt­er­stat­tung nicht nur grau­sam, son­dern auch falsch: Als ein 80-jäh­ri­ger Mann ver­däch­tigt wird, seine Töch­ter miss­braucht zu haben, führt Ös­ter­reich drei Tage lang eine me­dia­le Of­fen­si­ve an, ver­öf­fent­licht un­ver­pi­xel­te Fotos des Man­nes und be­zeich­net ihn als „neuen Fritzl“ und „In­zest-Opa“. We­ni­ge Wo­chen spä­ter wird der Mann aus der U-Haft ent­las­sen, laut Po­li­zei ist er un­schul­dig. Dar­über, was es heißt, me­di­al ver­ur­teilt zu wer­den, kann er nicht mehr spre­chen – er ist knapp ein Jahr dar­auf ver­stor­ben.

Österreich-Titelseite, 28.08.2011; Live-Ticker zu Kinderbegräbnis, 29.05.2012
 

DOS­SIER hat meh­re­re Be­trof­fe­ne, deren In­tim­sphä­re für schnel­le Schlag­zei­len ge­op­fert wur­den, kon­tak­tiert, doch fast alle wol­len das Ver­gan­ge­ne ruhen las­sen. Sie nen­nen Grün­de: Eine Frau er­zählt, sie habe wegen der Be­rich­te ihren Job ver­lo­ren, nun wolle sie ihre neue Stel­le nicht ris­kie­ren. Sein Ver­trau­en in die Me­di­en sei ge­bro­chen, sagt ein an­de­rer. Mit Jour­na­lis­ten zu spre­chen, das mache nur Schwie­rig­kei­ten. Alle haben Angst, er­neut Auf­merk­sam­keit zu er­re­gen. Nicht aber Se­li­na Gu­sen­bau­er: „Wenn es darum geht, die jour­na­lis­ti­sche Fahr­läs­sig­keit von Ös­ter­reich auf­zu­zei­gen, bin ich gerne ein Teil davon“, sagt sie.

Am Boulevard machen alle mit

Lange ist es her, dass die ers­ten Be­rich­te über Se­li­na er­schie­nen sind. Noch heute hat sie Trä­nen in den Augen, wenn sie über die Er­eig­nis­se von da­mals spricht. Die Me­di­en tref­fen sie an einer für Ju­gend­li­che ganz be­son­ders ver­letz­li­chen Stel­le: ihrem Aus­se­hen. Bou­le­vard­me­di­en mus­tern sie von Kopf bis Fuß, ma­chen sie zum na­tio­na­len Ge­sprächs­the­ma. „Kanz­ler-Toch­ter im Kel­ly-Os­bourne-Look“ ti­telt Ös­ter­reich im Sep­tem­ber 2007 und ent­hüllt, dass sich Se­li­na im Grie­chen­land­ur­laub zwei Pier­cings in die Un­ter­lip­pe ste­chen ließ. Einen Monat spä­ter fach­sim­pelt das Blatt über ihren „Emo-Style“: „Sie ist be­ken­nen­der Emo­co­re-Fan und steht auf To­ten­köp­fe, Con­ver­se-Schu­he, die Farbe Schwarz (auch um die Augen) und Pier­cings.“ Mi­cha­el Jeannée, Ko­lum­nist der Kro­nen Zei­tung, be­zeich­net Se­li­na als „Gu­sen­bau­ers Pier­cing-Töch­terl“, die „die ab­scheu­lich-löch­ri­ge Mo­de­tor­heit ge­wis­ser­ma­ßen sa­lon­fä­hig ge­macht“ hätte. Auch News mo­niert über Se­li­nas Schmin­ke: „Ein Ka­jal­strich so dick, dass man damit Stra­ßen ab­sper­ren könn­te“. Man fragt sich: „Wie schwarz sind die Ge­dan­ken der Toch­ter des roten Kanz­lers wirk­lich?“

Die Bot­schaft, die bei ihr an­ge­kom­men sei, war „Du bist häss­lich, du bist nicht fe­mi­nin. Ich merke erst jetzt, wie sehr ich das ver­in­ner­licht und tat­säch­lich ge­glaubt habe, dass ich nicht gut aus­se­he“, sagt Se­li­na. Für Ge­rald Kral, Psy­cho­lo­ge für Kin­der und Ju­gend­li­che, er­füllt diese Art der Be­richt­er­stat­tung viele As­pek­te von Mob­bing. „Sie wurde als Per­son de­fi­ni­tiv psy­chisch be­schä­digt. Wenn das noch vor einem lan­des­wei­ten Pu­bli­kum pas­siert, kann es weit­rei­chen­de Fol­gen haben.“ Ein­mal nimmt Se­li­na ihren Mut zu­sam­men und kon­fron­tiert zwei Ös­ter­reich-Re­por­ter mit der To­na­li­tät der Be­rich­te: „Ich habe sie ge­fragt, warum sie so ge­mei­ne Sa­chen über mich schrei­ben, aber die Jour­na­lis­ten haben sehr of­fen­siv re­agiert und meine Sicht der Dinge als über­trie­ben dar­ge­stellt.“ Sie suche ab­sicht­lich die Auf­merk­sam­keit und lasse sich des­we­gen so oft fo­to­gra­fie­ren. Se­li­na war in der Tat ge­mein­sam mit ihren El­tern öf­ters bei öf­fent­li­chen Ver­an­stal­tun­gen. Sie ist nicht schüch­tern, kommt mit an­de­ren schnell ins Ge­spräch; sie ist selbst­be­wusst und elo­quent, viel­leicht mehr als man­che es von einem 15-jäh­ri­gen Mäd­chen er­war­ten. „Ich habe ein­fach nicht in das Bild hin­ein­ge­passt, das Leute bei Kin­dern von Po­li­ti­kern sehen wol­len. Sie konn­ten mich gut aus­nut­zen, um mei­nen Vater zu schä­di­gen. Das hat ja so aus­ge­se­hen, als ob er keine Kon­trol­le über mich hätte.“

Österreich-Artikel, 10.09.2008
 

Vor dem Tag im Sep­tem­ber 2008, als Se­li­na die Schu­le wech­selt, waren be­reits viel­fach jour­na­lis­tisch ethi­sche Gren­zen über­schrit­ten wor­den. Nun hatte Ös­ter­reich das „Thema des Tages“ drauf­ge­legt: eine Falsch­mel­dung über Se­li­nas an­geb­li­chen Raus­wurf aus einer Pri­vat­schu­le. „Die über­zeug­te Emo-An­hän­ge­rin kann einem wirk­lich leid­tun“, schreibt das Blatt. Drei­mal sei sie schon durch­ge­fal­len und müsse nun wegen einer Ratte im Spind die Schu­le ver­las­sen. Am sel­ben Tag de­men­tiert Schul­di­rek­tor Jean Bas­tia­nel­li via Aus­sen­dung den Be­richt und stellt darin klar, „dass die Schü­le­rin Se­li­na Gu­sen­bau­er nicht – wie lei­der fälsch­li­cher­wei­se be­haup­tet – von der Schu­le ver­wie­sen wurde. Fer­ner ist un­rich­tig, dass sie das ver­gan­ge­ne Schul­jahr ‚hätte wie­der­ho­len müs­sen’.“ Trotz­dem dreht Ös­ter­reich die Ge­schich­te am nächs­ten Tag wei­ter: Süf­fi­sant wird über Se­li­nas be­ruf­li­che Lauf­bahn spe­ku­liert und in einem Be­klei­dungs­ge­schäft, in dem sie ein Fe­ri­al­prak­ti­kum ab­sol­viert hat, nach­ge­fragt, ob eine Stel­le für sie frei wäre.

Täter Wolfgang Fellner?

Warum igno­rie­ren er­fah­re­ne Jour­na­lis­ten, die auch bei Ös­ter­reich am Werk sind,fast jedes jour­na­lis­ti­sche Mi­ni­mum und at­ta­ckie­ren eine Min­der­jäh­ri­ge auf diese Weise? Claus Rei­tan und Chris­ti­an Nusser waren da­mals Chef­re­dak­teu­re der Ta­ges­zei­tung. „Das war falsch, vor allem mensch­lich. Ich will mich gar nicht her­aus­re­den, ich war dafür – so wie Wolf­gang Fell­ner – mit­ver­ant­wort­lich, ich habe es nicht ge­stoppt, und das tut mir heute noch leid“, sagt Nusser, der seit Som­mer 2012 die Re­dak­ti­on der Gra­tis­zei­tung Heute lei­tet. Die Ge­schich­te sei unter Druck ent­stan­den, und die­ser Druck zu lie­fern, der gehe bei Ös­ter­reich von ganz oben aus. Rei­tan, von 2006 bis 2008 Chef­re­dak­teur bei Ös­ter­reich, ver­or­tet den Feh­ler an ähn­li­cher Stel­le wie sein eins­ti­ger Kol­le­ge: „Mei­ner Er­in­ne­rung nach hat sie der Wolf­gang Fell­ner ge­baut.“ Das Motiv, über Se­li­na Gu­sen­bau­er mas­sen­wirk­sam zu be­rich­ten, habe nicht in der Sache selbst lie­gen kön­nen. „Also lag es mög­li­cher­wei­se au­ßer­halb der Sache“, sagt Rei­tan – spielt er hier auf etwas an, was mit Jour­na­lis­mus nichts mehr zu tun hat; auf etwas das Jour­na­lis­mus gar zur Waffe wer­den lässt? Auch Wolf­gang Fell­ner gibt sich heute selbst­kri­tisch: „Diese Ge­schich­te zählt zu un­se­ren Feh­lern. Wir ar­bei­ten heute viel ge­nau­er und pas­sen bes­ser auf. Mitt­ler­wei­le ist es unser Prin­zip, keine Ge­schich­ten zu ma­chen, die gegen den Kodex des Pres­se­rats ver­sto­ßen könn­ten“, sagt er.

Ich würde die Geschichte heute nicht mehr so machen, weil ich der Meinung bin, man sollte so etwas über eine Minderjährige nicht schreiben, auch wenn sie das Kind eines Prominenten ist.

Kein Einzelfall

Der Fall hatte für seine Zei­tung auch ein ju­ris­ti­sches Nach­spiel: Se­li­nas El­tern schal­ten einen An­walt ein und kla­gen Ös­ter­reich. Nur we­ni­ge Mo­na­te spä­ter, im Jän­ner 2009, zieht das Wie­ner Straf­lan­des­ge­richt laut Me­di­en­be­rich­ten den Schluss, dass sich die Bou­le­vard­zei­tung „du­bio­ser In­for­man­ten“ be­dient und „ohne groß­ar­ti­ge Re­cher­che grobe Un­wahr­hei­ten“ ver­brei­tet hat. Ös­ter­reich kommt trotz­dem glimpf­lich davon: Die Zei­tung muss eine Ge­gen­dar­stel­lung ab­dru­cken und 2.000 Euro Ent­schä­di­gung be­zah­len. „Das ist nicht viel, in Ame­ri­ka müss­ten Sie in sol­chen Fäl­len ein paar Nul­len dran­hän­gen“, sagt Me­di­en­an­walt Gott­fried Korn im Ge­spräch mit DOS­SIER. Korn ist Lehr­be­auf­trag­ter für Kom­mu­ni­ka­ti­ons­recht am In­sti­tut für Pu­bli­zis­tik der Uni Wien, und er ver­tritt als Rechts­an­walt auch die Kon­kur­renz, die Me­di­a­print, allen voran die Kro­nen Zei­tung – die selbst nicht ge­ra­de die Hü­te­rin der pu­bli­zis­ti­schen Moral ist, wie Zah­len zu den Ver­stö­ßen gegen den Eh­ren­ko­dex der Ös­ter­rei­chi­schen Pres­se zei­gen.

Kronen ZeitungÖsterreichHeuteSonstige *0102030405020152014201320122011

Quelle: Statistik des Österreichischen Presserates

*Aktiv Zeitung (1), Bezirksblätter (2), Der Österreichische Journalist (1), Der Standard (3), DFZ (1), Die ganze Woche (1), Die Presse (1), Echo (1), Falter (2), Gailtal Journal (1), Kassenarzt (1), Klasse (1), Kleine Zeitung (1), KTZ Bezirksjournal (1), Kurier (2), Meine Südsteirische (1), News (2), OÖN (2), profil (1), Journal Graz (1), SN (1), Vice (1), Weekend (1), Wiener Zeitung (1), Zur Zeit (4)

Ab­seits von Moral und An­stand sieht das Ge­setz bei Ver­stö­ßen gegen das Per­sön­lich­keits­recht Höchst­stra­fen von bis zu 50.000 Euro vor. Je­doch ent­schei­den die Ge­rich­te „in den meis­ten Fäl­len nur bis zu zehn oder 20 Pro­zent der Höchst­sum­men“, sagt Korn, der be­reits mehr als 100 Ver­fah­ren gegen die Zei­tung Ös­ter­reich ge­führt hat. „Für eine gute, knal­li­ge Schlag­zei­le wird eine Ent­schä­di­gung in Kauf ge­nom­men“, sagt er, denn „die Höhe der Ent­schä­di­gung ist eine Sache der Ge­rich­te und nicht des Ge­setz­ge­bers.“ Würde man in allen Fäl­len die Höchst­stra­fe ver­hän­gen, dann käme „ein be­trächt­li­cher Be­trag zu­sam­men. Ich denke, das wäre aus­rei­chend, um Ver­le­ger ab­zu­schre­cken“, sagt Korn.   

Für Se­li­na ist der Sieg vor Ge­richt kein Tri­umph. Sie sagt, sie habe sich Vor­wür­fe ge­macht und die Schuld bei sich ge­sucht: „Als mein Vater nicht mehr Bun­des­kanz­ler war, habe ich mir das stark vor­ge­hal­ten. Ich dach­te, ich hätte seine Kar­rie­re rui­niert, weil ich es nicht ge­schafft habe, mit Me­di­en um­zu­ge­hen.“ Nicht ein­mal im Ge­richts­saal habe sie da­mals zu­ge­ben wol­len, wie schlimm das war. „Heute würde ich mir er­lau­ben, ein Mensch zu sein, den man auch ver­let­zen kann.“  

 
 
Aus dieser Quelle zur weiteren Verbreitung entnommen: https://www.dossier.at/dossiers/oesterreich/fellner-schlaegt-zurueck/

Fellner schlägt zurück

Wolf­gang Fell­ner ge­fällt nicht, was er An­fang Juni 2016 in der Wo­chen­zei­tung Fal­ter liest: ein In­ter­view mit Chris­toph Chor­herr, Ge­mein­de­rat der Grü­nen in Wien. Der Po­li­ti­ker spricht sich dafür aus, dass die Stadt Wien we­ni­ger In­se­ra­te schal­ten soll, allen voran in Bou­le­vard­zei­tun­gen: „Ihr Ge­schäfts­mo­dell ist es, Angst und Res­sen­ti­ment zu ver­brei­ten“, sagt Chor­herr. Daher sein Vor­schlag: „Man soll­te Me­di­en, die wie­der­holt und sys­te­ma­tisch vom Pres­se­rat ver­ur­teilt wer­den, nicht auch noch mit In­se­ra­ten be­loh­nen.“

Eine „Trot­tel­idee“ fin­det Wolf­gang Fell­ner, Her­aus­ge­ber der Ta­ges­zei­tung Ös­ter­reich.Seit 2011 ver­stieß seine Zei­tung 34 Mal gegen den Eh­ren­ko­dex der Ös­ter­rei­chi­schen Pres­se – ein­zig die Kro­nen Zei­tung hat im sel­ben Zeit­raum mehr Ver­stö­ße. Chor­herrs Vor­schlag muss auf ihn wie eine Dro­hung ge­wirkt haben, denn Zei­tun­gen wie Heuteoder Ös­ter­reich leben fast aus­schließ­lich von In­se­ra­ten. We­ni­ge Tage spä­ter er­scheint in Ös­ter­reich ein Ar­ti­kel über Pro­jek­te, für die nicht nur Chris­toph Chor­herr, son­dern auch des­sen Fa­mi­lie öf­fent­li­che För­de­run­gen er­hiel­ten.

Quelle: Tageszeitung „Österreich“ vom 7. Juni 2016
 

Ein pu­bli­zis­ti­scher Ge­gen­schlag? Im Ge­spräch mit DOS­SIER und Fal­ter lässt sich Wolf­gang Fell­ner tief in die Kar­ten bli­cken: „Wenn uns je­mand vor­wirft, dass wir zu viel Geld kas­sie­ren, dann darf man wohl schrei­ben, wie viel Geld er kas­siert“, sagt er.

Ich bin ja nicht der Watschenmann der Stadt, der sich hinstellt und sagt, jetzt darf mir jeder eine runterhauen. Das bin ich nicht. Wenn mir einer eine runterhaut und selbst von Subventionen lebt, dann darf ich ja wohl schreiben, dass der Scherzbold, der behauptet hat, man soll die Inserate der Zeitungen komplett kürzen und an den Presserat koppeln, dass er das auch noch originellerweise im Falter macht, der zwei Wochen vorher verurteilt worden ist und deswegen keine Inserate mehr bekommen hätte.

Fell­ner spricht erst­mals offen aus, dass er und seine Zei­tung Jour­na­lis­mus ähn­lich einer Waffe ein­set­zen. „Wenn man Fell­ner kri­ti­siert, dann muss man damit rech­nen, dass man mit einer per­sön­li­chen Ge­schich­te an­ge­grif­fen wird,“ sagt Armin Thurn­her, Fal­ter-Her­aus­ge­ber und Chef­re­dak­teur im In­ter­view mit DOS­SIER. Für Fell­ners Art mit Kri­ti­kern um­zu­ge­hen, hat er einen Namen: „Re­tor­si­ons­jour­na­lis­mus“, was so viel be­deu­te wie „Wir schla­gen zu­rück!“, sagt Thurn­her. „Dabei wird ver­sucht, die be­tref­fen­de Per­son per­sön­lich zu ver­nich­ten. Das ist schon mehr­mals pas­siert.“ 

Krieg der Chefredakteure

Un­längst be­rich­te­te Ös­ter­reich über Ku­rier-Chef­re­dak­teur Hel­mut Brand­stät­ter, einen von Fell­ners Erz­fein­den. Seit Jah­ren schen­ken sich die bei­den vor Ge­rich­ten und in Kom­men­ta­ren nichts. Am 21. Au­gust er­scheint in der Ru­brik „Po­li­tik-In­si­der“ ein Text, in dem Brand­stät­ter vor­ge­wor­fen wird, sei­nen 25-jäh­ri­gen Sohn mit einem Job bei den ÖBB ver­sorgt zu haben – „di­rekt im Büro des da­ma­li­gen ÖBB-Chefs Chris­ti­an Kern“. Und Ös­ter­reich wirft eine Frage auf: „Wurde das Wohl­wol­len des Ku­rier-Chef­re­dak­teurs mit einem hoch be­zahl­ten Job für den Soh­ne­mann er­kauft?“

Ein wei­te­rer jour­na­lis­ti­scher An­griff der Marke Fell­ner? Oder was ist dran? „Nichts“, sagt Hel­mut Brand­stät­ter zu DOS­SIER: „Alle Fak­ten sind falsch. Mein Sohn hat sich für ein Prak­ti­kum be­wor­ben und nie im Büro von Chris­ti­an Kern ge­ar­bei­tet. Er hat ein nor­ma­les Ge­halt.“ Jakob Brand­stät­ter sei nach einem drei­mo­na­ti­gen Prak­ti­kum „wegen sei­ner über­zeu­gen­den Leis­tung“ über­nom­men wor­den, sagt auch eine Spre­che­rin der ÖBB und wei­ters: 

Jakob Brand­stät­ter war weder im Büro des frü­he­ren ÖBB-CEO Chris­ti­an Kern tätig noch ihm di­rekt un­ter­stellt. Er war oder ist in kei­ner Füh­rungs­po­si­ti­on in der ÖBB Hol­ding tätig. Sein Ge­halt und Ein­stu­fung ori­en­tie­ren sich strikt an den ent­spre­chen­den Un­ter­neh­mens­richt­li­ni­en.

Hel­mut Brand­stät­ter glaubt, die ver­steck­te Bot­schaft des Be­richts zu ken­nen: „Ich ver­brei­te Lügen über dich, und wenn du wei­ter­schreibst, ver­brei­te ich noch mehr Lügen.“ Immer wie­der habe der Ku­rier „ab­sur­de In­se­ra­te in Bou­le­vard­zei­tun­gen“ auf­ge­zeigt, wes­halb Fell­ner ver­är­gert sei. „Wenn man sich wehrt, haut Fell­ner hin und er rech­net damit, dass sich alle fürch­ten“, sagt Brand­stät­ter. Doch das wahre Ziel seien weder er noch sein Sohn ge­we­sen, son­dern Bun­des­kanz­ler Chris­ti­an Kern (SPÖ) – die­ser bezog schon in sei­nem ers­ten Fern­seh­in­ter­view als Bun­des­kanz­ler in der ZiB 2 eine deut­li­che Po­si­ti­on zu den hohen öf­fent­li­chen Wer­be­etats: 

Ich wüss­te gar nicht, wo die Mit­glie­der der Bun­des­re­gie­rung in­se­rie­ren sol­len. Un­se­re vor­ran­gi­ge Auf­ga­be ist es nicht zu in­se­rie­ren, son­dern Po­li­tik zu ma­chen, Taten zu set­zen und klar iden­ti­fi­zier­bar zu ma­chen, was wir für das Land tun. (Bun­des­kanz­ler Chris­ti­an Kern am 17. Mai 2016)

Rund zwei Mo­na­te spä­ter spricht auch der neue Me­di­en­mi­nis­ter Tho­mas Droz­da (SPÖ) von einer Re­duk­ti­on der An­zei­gen­gel­der: „Den In­se­ra­ten­e­tat wer­den wir suk­zes­si­ve kür­zen und uns wie jedes Un­ter­neh­men über­le­gen, wie wir un­se­re Wer­be­aus­ga­ben auf­tei­len.“ Die neue Linie soll über die Re­gie­rung hin­aus Wir­kung zei­gen. Tat­säch­lich be­legt eine Aus­wer­tung der Wer­be­schal­tun­gen des mit Ab­stand größ­ten öf­fent­li­chen An­zei­gen­kun­den der Re­pu­blik, der Stadt Wien und ihrer Un­ter­neh­men, einen Ab­wärts­trend, der gegen Ende 2015 ein­setzt – auch die Ta­ges­zei­tung Ös­ter­reich ist davon be­trof­fen.

Quelle: Medientransparenzdaten
 

Laut Fell­ner ist der Be­richt über Brand­stät­ters Sohn aus rein jour­na­lis­ti­schen Mo­ti­ven ent­stan­den: Eine „völ­lig an­stän­di­ge Ge­schich­te“, sagt er und ver­weist auf die Be­richt­er­stat­tung an­de­rer Me­di­en über Chris­ti­an Hofer, den äl­te­ren Bru­der des Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten Nor­bert Hofer (FPÖ). Die­ser hatte einen Job in einer Ab­tei­lung der bur­gen­län­di­schen Lan­des­re­gie­rung be­kom­men, die wie­der­um dem frei­heit­li­chen Lan­des­haupt­mann-Stell­ver­tre­ter Jo­hann Tschürtz un­ter­steht. „Was ist da bitte der Un­ter­schied?“, fragt Fell­ner. Für Brand­stät­ter scheint der Un­ter­schied im Motiv zu lie­gen. Er schreibt in einem Tweet:

@hoppenina @MD_Franz @KURIERatFellners Botschaft:Wer gegen mich ist, keine Inserate gibt, muss wissen, daß ich auf seine Familie losgehe

 

Auf DOS­SIER-Nach­fra­ge re­la­ti­viert der Ku­rier-Chef­re­dak­teur. Da müsse er vor­sich­tig sein, „aber es kom­men son­der­ba­re Me­tho­den zur An­wen­dung, über die sich Ge­schäfts­leu­te und Po­li­ti­ker bei mir aus­ge­weint haben. Jeder Stadt­rat und jeder Ge­ne­ral­di­rek­tor in Ös­ter­reich kennt diese Me­tho­den.“


Worum es bei Wolf­gang Fell­ners „Ös­ter­reich“ vor allem geht, lesen Sie ab Mon­tag auf DOS­SIER. Wir wer­den be­rich­ten, wie viel Steu­er­geld in der Zei­tung steckt, wie „Ös­ter­reich“ im Auf­trag des Her­aus­ge­bers re­dak­tio­nel­le Be­richt­er­stat­tung an Un­ter­neh­men ver­kauft und wie die Achse „Wo­Fe-We­Fa“ funk­tio­niert hat.

Blei­ben Sie dran!

Wie die Polizei Schleichwerber laufen lässt

Seit 17 Mo­na­ten lie­gen bei der Po­li­zei 476 An­zei­gen. In allen geht es um das De­likt der Schleich­wer­bung, im ju­ris­ti­schen Sprach­ge­brauch: um mög­li­che Ver­stö­ße gegen den Pa­ra­gra­fen 26 Me­di­en­ge­setz – die Pflicht, Wer­bung als sol­che zu kenn­zeich­nen. Bis zu 20.000 Euro Geld­stra­fe sind vor­ge­se­hen, im Wie­der­ho­lungs­fall bis zu 60.000 Euro. Die Be­schul­dig­ten der 476 An­zei­gen sind die fünf größ­ten Zei­tun­gen des Lan­des – und die Po­li­zei, die das Ge­setz voll­zie­hen soll­te, tut: nichts.

„In der Be­ar­bei­tung ist das in einer der nied­rigs­ten Stu­fen“, sagt Hof­rat Ger­hard Le­cker von der Lan­des­po­li­zei­di­rek­ti­on Graz am Te­le­fon. Spä­ter muss er zu­ge­ben, dass die Po­li­zei die An­zei­gen, die nach­weis­lich ein­ge­gan­gen sind, sogar ver­lo­ren hat: „Es ist mir un­er­klär­lich“, sagt Le­cker. Will­kom­men in der Welt der Schleich­wer­bung, wo Men­schen ge­täuscht, Moral wie Ge­setz ge­bro­chen wer­den. Be­zahl­te Ein­schal­tun­gen ge­tarnt als re­dak­tio­nel­le Be­rich­te wer­den zu­neh­mend zum Pro­blem, wie Ga­brie­le Fa­ber-Wie­ner, die Vor­sit­zen­de des PR-Ethik­ra­tes, zu DOS­SIER sagt. Bran­chen­ver­bän­de ste­hen dem hilf­los und die voll­zie­hen­den Be­hör­den un­tä­tig ge­gen­über.

Vier Verdachtsfälle pro Ausgabe

Das zeig­te der Wie­ner Phi­lo­so­phie­stu­dent Alex­an­der Kaim­ber­ger ein­drucks­voll auf: Er ist der Ur­he­ber jener An­zei­gen, die die zu­stän­di­gen Be­hör­den un­be­ar­bei­tet lie­ßen be­zie­hungs­wei­se nicht mehr fin­den. Im Rah­men sei­ner Ma­gis­ter­ar­beit zum Thema Schleich­wer­bung ana­ly­sier­te Kaim­ber­ger zwei Wo­chen lang die fünf reich­wei­ten­stärks­ten Ta­ges­zei­tun­gen Ös­ter­reichs. „Die Her­aus­for­de­rung ist, Schleich­wer­bung zu er­ken­nen“, sagt Kaim­ber­ger. „Ich habe In­di­zi­en ge­sam­melt: Gibt es in der Nähe von An­zei­gen wohl­wol­len­de Be­rich­te? Fin­det man werb­li­che For­mu­lie­run­gen wie etwa ‚Schnäpp­chen‘?“ Nach zwei Wo­chen hatte er 476 Ver­dachts­fäl­le von un­zu­rei­chend oder gänz­lich un­ge­kenn­zeich­ne­ter Wer­bung auf­ge­lis­tet – durch­schnitt­lich vier Fälle pro Zei­tungs­aus­ga­be. Kaim­ber­ger be­schloss, die Fälle an­zu­zei­gen.

Die zu­stän­di­gen Be­hör­den für die von Kaim­ber­ger Ver­däch­tig­ten Heute, Ös­ter­reich, Kro­nen Zei­tung, Ku­rier und Klei­ne Zei­tung sind laut Me­di­en­ge­setz die Lan­des­po­li­zei­di­rek­tio­nen in Wien und in Graz. „Ich habe schon beim Erst­kon­takt mit der Po­li­zei ge­merkt, dass hier eine Wis­sens­lü­cke exis­tiert“, sagt Kaim­ber­ger. „Mir war klar: Frei­wil­lig ver­fol­gen die das nicht.“ Er be­hält recht.

Nicht nur die Lan­des­po­li­zei­di­rek­ti­on Graz igno­riert die An­zei­gen und ver­liert sie sogar, auch in Wien weiß mit die­sen of­fen­bar wenig an­zu­fan­gen. Trotz mehr­wö­chi­gen Be­mü­hens ist der zu­stän­di­ge Be­am­te zu kei­nem In­ter­view be­reit. Nur so viel: „Die Fälle sind rar gesät, ich kann nicht aus gro­ßer Er­fah­rung spre­chen.“ Dabei kann oder will man bei der Wie­ner Po­li­zei nicht ein­mal be­ant­wor­ten, ob die An­zei­gen über­haupt be­ar­bei­tet wur­den.

„Im Boulevard wird das Problem noch stärker“

Ga­brie­le Fa­ber-Wie­ner, Vor­sit­zen­de des PR-Ethik­rats, eines Bran­chen­kon­troll­or­gans, be­rich­tet von ähn­li­chen Er­fah­run­gen. Dass immer öfter Kri­tik aus PR-Krei­sen an den Me­tho­den der Me­di­en und dem Aus­ver­kauf von Jour­na­lis­mus laut wird, macht den Miss­stand deut­lich. „Es geht um Trans­pa­renz und Glaub­wür­dig­keit. Wir wol­len nicht, dass Re­zi­pi­en­ten ma­ni­pu­liert wer­den“, sagt Fa­ber-Wie­ner. Das Pro­blem ge­kauf­ter Be­richt­er­stat­tung ziehe sich durch die ge­sam­te Me­di­en­land­schaft, in Bou­le­vard­me­di­en fän­den sich aber be­son­ders viele Ver­dachts­fäl­le.

„Qua­li­täts­me­di­en schau­en ver­mehrt auf Kor­rekt­heit, gleich­zei­tig gibt es den Bou­le­vard, wo das Pro­blem noch stär­ker wird“, sagt Fa­ber-Wie­ner. Ver­ant­wort­lich für die Aus­brei­tung der Schleich­wer­bung macht sie vor allem die Un­tä­tig­keit der Be­hör­den: „Wir haben kürz­lich drei für uns ein­deu­ti­ge Ver­dachts­fäl­le an die Lan­des­po­li­zei­di­rek­ti­on Wien wei­ter­ge­lei­tet, kei­ner der der Fälle wurde wei­ter be­ar­bei­tet“, sagt sie. „Das kann so nicht wei­ter­ge­hen. Die Ma­ni­pu­la­ti­on nimmt zu, und wir haben kein funk­tio­nie­ren­des Me­di­en­recht.“ 


Gute PR gibt es in der Ta­ges­zei­tung „Ös­ter­reich“ nicht nur für Un­ter­neh­men. Auch Po­li­ti­ker kön­nen sich mit In­se­ra­ten wohl­wol­len­de Be­richt­er­stat­tung kau­fen. Dafür gibt es kein bes­se­res Bei­spiel als Wer­ner Fay­mann, den ehe­ma­li­gen Bun­des­kanz­ler der Re­pu­blik. Dem­nächst auf DOS­SIER: die Achse „Wo­Fe-We­Fa“ – oder, warum Fay­mann Fell­ners „bes­ter In­for­mant“ ge­we­sen sein soll.

Aus dieser Quelle zur weiteren Verbreitung entnommen: https://www.dossier.at/dossiers/oesterreich/journalismus-im-ausverkauf/
 

Journalismus im Ausverkauf

Schleich­wer­bung hat viele Namen: „Gra­tis-PR-Ar­ti­kel“, „rein re­dak­tio­nel­le In­te­gra­ti­on“, „eine klei­ne re­dak­tio­nel­le Ge­schich­te“. Bei der Ta­ges­zei­tung Ös­ter­reich sind Be­grif­fe wie diese mehr als ge­läu­fig. Das zei­gen in­ter­ne E-Mails, die der DOS­SIER-Re­dak­ti­on vor­lie­gen. Sie geben einen tie­fen Ein­blick in das Sys­tem Fell­ner: Sie bu­chen, wir schrei­ben.

Mit Jour­na­lis­mus hat das wenig zu tun. Es geht um In­hal­te, die Men­schen täu­schen und die gegen das Ge­setz ver­sto­ßen. Und es geht darum, wie Wer­bung ge­tarnt und als  Jour­na­lis­mus ver­kauft wird. Das be­ginnt bei Ös­ter­reich ganz oben, wie sich an­hand der E-Mails nach­voll­zie­hen lässt. Der Her­aus­ge­ber der Zei­tung, Wolf­gang Fell­ner, ver­an­lasst darin höchst­per­sön­lich eine mehr­wö­chi­ge Serie an re­dak­tio­nel­len Be­rich­ten über einen sei­ner größ­ten Wer­be­kun­den. Fir­men­chefs sol­len Ge­fäl­lig­keits­in­ter­views zu­ge­schanzt wer­den. Den Un­ter­neh­men wird die Ent­schei­dung über­las­sen, ob Sie „klas­si­sche Wer­bung“ oder doch lie­ber po­si­ti­ve Be­richt­er­stat­tung kau­fen möch­ten. Haupt­sa­che, der Preis stimmt.

Die Traumküche

Im Fall des Mö­bel­hau­ses Ikea be­lief sich die­ser auf 10.000 Euro. „Ikea will nicht klas­sisch mit einem Kü­chen­su­jet drin­nen sein, son­dern nur eine rein re­dak­tio­nel­le In­te­gra­ti­on und dafür eine Art Druck­kos­ten­bei­trag zah­len“, steht in einer E-Mail, die eine Mit­ar­bei­te­rin der An­zei­gen­ab­tei­lung im Jahr 2011 ver­schickt. Fell­ner hätte für den Deal sein „Okay“ ge­ge­ben. Am ver­ein­bar­ten Tag er­scheint der ganz­sei­ti­ge Bei­trag „Cle­ve­re Traum­kü­chen“ in der Ös­ter­reich-Bei­la­ge Ma­don­na. Ikea kommt in dem Ar­ti­kel, der nicht als Wer­bung ge­kenn­zeich­net ist, als ein­zi­ger Her­stel­ler vor. 

 

Schleich­wer­bung täuscht Le­se­rin­nen und Leser, des­halb ist sie ver­bo­ten: Gemäß Pa­ra­graf 26 Me­di­en­ge­setz müs­sen ent­gelt­li­che Ein­schal­tun­gen als sol­che ge­kenn­zeich­net sein. Schon in der Ver­gan­gen­heit wur­den viel­fach Fälle auf­ge­zeigt, in denen Me­di­en da­ge­gen ver­sto­ßen haben – die DOS­SIER vor­lie­gen­den Do­ku­men­te zei­gen, dass dies bei der Ta­ges­zei­tung Ös­ter­reich nicht nur aus Ver­se­hen ge­schieht, son­dern auch aus ge­schäft­li­chem Kal­kül. Ju­ris­tisch sind die auf­ge­zeig­ten Fälle bei Ös­ter­reich be­reits ver­jährt, doch sie be­le­gen: Ge­tarn­te Wer­bung ist ein lu­kra­ti­ves Ge­schäft und ein wich­ti­ges Ver­kaufs­ar­gu­ment für In­se­ra­te. Oder wie es Wolf­gang Fell­ner am Ende einer der E-Mails aus dem Jahr 2012 for­mu­liert: „Bitte nicht auf die Sto­rys ver­ges­sen.“

In der glei­chen E-Mail schickt Fell­ner der Lei­te­rin sei­ner Wirt­schafts­re­dak­ti­on eine aus­führ­li­che To-do-Lis­te:

 

Ob und wel­che Ge­gen­leis­tung Sa­turn kon­kret er­bringt, geht aus der E-Mail nicht her­vor. Eine Er­klä­rung, warum sich der Her­aus­ge­ber so stark für den Elek­tro­händ­ler ein­setzt, ist trotz­dem schnell ge­fun­den: Sa­turn, oder bes­ser ge­sagt, die Me­dia­markt-Sa­turn-Grup­pe, zählt zu den bes­ten An­zei­gen­kun­den der Zei­tung. 

Top Ten der Anzeigenkunden (2006 – 2012), Quelle: DOSSIER-Erhebung
 

Ein wei­te­rer Fall zeigt das Sys­tem Fell­ner noch deut­li­cher: „So­eben habe ich die Frei­ga­be von der ÖBB be­kom­men“, steht in einer E-Mail der Ver­lags­lei­tung. An vier Tagen im März 2012 schal­ten die Bun­des­bah­nen fünf ganz­sei­ti­ge In­se­ra­te, zu die­sen solle es am Mon­tag, Diens­tag und Mitt­woch je­weils eine „klei­ne re­dak­tio­nel­le Ge­schich­te“ geben. Die The­men der Ar­ti­kel kom­men der Bahn ge­le­gen: „Hohe Ben­zin­prei­se“, „Stau­zeit zu Os­tern“ und „Ben­zin­spa­ren, auf Öffis um­stei­gen“.

Österreich-Ausgabe, 27.3.2012
 

Und er­neut fin­det sich der Hin­weis: Der Deal sei „mit WoFe be­spro­chen“ – das Kür­zel WoFe steht für Wolf­gang Fell­ner. Wenig spä­ter be­rich­tet Ös­ter­reich: „Ben­zin und Die­sel waren im ver­gan­ge­nen Jahr (…) so teuer wie noch nie.“ Ein an­de­rer Ar­ti­kel wid­met sich dem neuen Ca­te­ring: „Die Spei­se­wa­gen der ÖBB sind am bes­ten Weg zur Top-Adres­se für Gour­mets.“

„Teil unseres redaktionellen Konzepts“

Für Wolf­gang Fell­ner ist all das kein Pro­blem. „Die Sto­rys ‚Os­ter-Rei­se­wel­le‘, ‚hohe Ben­zin­prei­se‘ und ‚Stau zu Os­tern‘ sind in jeder Ta­ges­zei­tung des Lan­des er­schie­nen – dafür braucht es keine ÖBB-In­se­ra­te“, schreibt er in einer Stel­lung­nah­me. Be­rich­te über Er­öff­nun­gen und Ver­kaufs­ak­tio­nen von Sa­turn und Media Markt seien wie­der­um „Teil un­se­res re­dak­tio­nel­len Kon­zepts, weil sie bei Le­sern ex­trem be­liebt sind.“ Und wei­ter:

„Ich kann Ihnen ver­si­chern, dass es in ,Ös­ter­reich‘ keine Schleich­wer­bung gibt – je­den­falls viel we­ni­ger als in an­de­ren Me­di­en.“

Die wer­be­trei­ben­den Un­ter­neh­men sind auf DOS­SIER-An­fra­gen zu­rück­hal­ten­der: Es sei „selbst­ver­ständ­lich, dass In­se­ra­te und be­zahl­te Ein­schal­tun­gen ge­kenn­zeich­net sind“, schreibt Ikea-Spre­che­rin Bar­ba­ra Riedl. Die kon­kre­ten Fälle will sie, wie auch Sa­turn und die ÖBB nicht kom­men­tie­ren – man halte sich aber an alle ge­setz­li­chen Vor­schrif­ten.

„Schleichwerbung ist tägliche Praxis“

In einem Punkt hat Fell­ner je­den­falls recht: Die Ver­mi­schung von be­zahl­ter Wer­bung und schein­bar un­ab­hän­gi­ger Be­richt­er­stat­tung ist nicht ein­zig ein Ös­ter­reich-Pro­blem, es ist ein Ös­ter­reich-Pro­blem. „Schleich­wer­bung ist täg­li­che Pra­xis“, sagt Ga­brie­le Fa­ber-Wie­ner, Vor­sit­zen­de des PR-Ethik­rats, eines Selbst­kon­troll­or­gans für den Be­reich Öf­fent­lich­keits­ar­beit. Käuf­li­che Be­richt­er­stat­tung ziehe sich durch die ge­sam­te Me­di­en­land­schaft. „Das große Pro­blem ist, dass Schleich­wer­bung nicht ge­ahn­det wird“, sagt Fa­ber-Wie­ner. „Me­di­en, die das auf täg­li­cher Basis ma­chen – und Ös­ter­reich ist so ein Me­di­um ­–, la­chen sich da ins Fäust­chen.“

So­lan­ge die Be­hör­den das Ge­setz so schlam­pig, wenn nicht gar fahr­läs­sig voll­zie­hen wie bis­her, so lange wird das Sys­tem Fell­ner funk­tio­nie­ren. So lange wird er in Ös­ter­reich zu haben sein, der Jour­na­lis­mus im Aus­ver­kauf, wie man auch an­hand der Aus­ga­be vom 2. Sep­tem­ber 2016 ver­mu­ten kann.

 

Gute PR gibt es in der Ta­ges­zei­tung „Ös­ter­reich“ nicht nur für Un­ter­neh­men. Auch Po­li­ti­ker kön­nen sich mit In­se­ra­ten wohl­wol­len­de Be­richt­er­stat­tung kau­fen. Dafür gibt es kein bes­se­res Bei­spiel als Wer­ner Fay­mann, den ehe­ma­li­gen Bun­des­kanz­ler der Re­pu­blik. Dem­nächst auf DOS­SIER: die Achse „Wo­Fe-We­Fa“ – oder, warum Fay­mann Fell­ners „bes­ter In­for­mant“ ge­we­sen sein soll.

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VIDEO: Der militärisch-industrielle Komplex, das kriegsdürstende Hydra Ungeheuer! Die Hauptursache der imperialen US-Kriege und der failed states made by US und der Kriegsflüchtlingsströme.

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Aus dem per ÖVP-Amtsmissbräuche offenkundig verfassungswidrig agrar-ausgeraubten Tirol, vom friedlichen Widerstand, Klaus Schreiner

Don´t be part of the problem! Be part of the solution. Sei dabei! Gemeinsam sind wir stark und verändern unsere Welt! Wir sind die 99 %! 

“Wer behauptet, man braucht keine Privatsphäre, weil man nichts zu verbergen hat, kann gleich sagen man braucht keine Redefreiheit weil man nichts zu sagen hat.“ Edward Snowden

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Frauen des Schreckens

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Hier noch eine kurzes Video zur Erklärung der Grafik Gewaltspirale der US-Kriege

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