Covid-19: Medien und die Corona-Pandemie – wie gut ist der deutsche Journalismus?

Hier findet man sachliche Infos zu Corona:

https://swprs.org/covid-19-hinweis-ii/


Aus dieser Quelle zur weiteren Verbreitung entnommen: https://www.deutschlandfunk.de/covid-19-medien-und-die-corona-pandemie-wie-gut-ist-der.2849.de.html?drn%3Anews_id=1116363&fbclid=IwAR0CCSpxPKhjkNbjy54RqlS_HX705Aw-zAXTuwiztRGbPP8YIjs_URvS-7I

Covid-19 Medien und die Corona-Pandemie – wie gut ist der deutsche Journalismus?

Zeitungen mit Anzeigen zur Corona-Ausbreitung unter dem Motto "Wir bleiben zuhause" (dpa/ Paul Zinken)
Zeitungen haben Appelle unter dem Motto „Wir bleiben zuhause“ gestartet (dpa/ Paul Zinken)

In den Medien liest, hört und sieht man derzeit nur ein Thema: die Ausbreitung des Corona-Virus SarsCoV2. Doch wie gut ist die Berichterstattung der Journalistinnen und Journalisten? Und: Wie gut kann sie sein, wenn etliche Regierungen die Pressefreiheit einschränken und gleichzeitig wegen der angespannten Wirtschaftslage Anzeigen wegbrechen und Mitarbeitende in Kurzarbeit geschickt werden? Wir haben einige Aspekte für Sie zusammengefasst.

Die Auswirkungen des (immer noch) neuartigen Corona-Virus sind global – das gilt für die Pandemie an sich genauso wie für die Berichterstattung darüber. Klar ist auch: Journalistinnen und Journalisten können sich genauso wie alle anderen anstecken. Deshalb gilt der Aufruf nach körperlicher Distanz auch für sie, genauso wie für Techniker*innen bei Radio und Fernsehen, für Mitarbeitende in der Verwaltung von Medien und Chefredakteur*innen von Online-Medien. Betroffen sind auch Bereiche, in denen die Arbeit im Homeoffice bisher unvorstellbar war, wie zum Beispiel bei uns in der Nachrichtenabteilung des Deutschlandfunk.

Die Berichterstattung an sich

Ein subjektiver Eindruck vorneweg: Die Zusammenarbeit in den Redaktionen funktioniert auch in Zeiten, in denen die Besetzung in den eigentlichen Büros stark dezimiert ist oder sogar komplett aus dem Homeoffice gearbeitet wird. Hilfreich sind dabei weitere Kommunikationsmöglichkeiten über Online-Portale und -Apps. Doch die eigentliche Berichterstattung bringt durchaus Herausforderungen mit sich.

Der politische Journalismus steht nach Ansicht des ARD-Journalisten Michael Stempfle unter Druck wie selten zuvor. Der Leiter des Ressorts Innenpolitik im ARD-Hauptstadtstudio räumte im NDR ein, dass der Journalismus im Moment wegen der Fülle an Themen rund um die Corona-Pandemie häufig eher erkläre als kritisch hinterfrage. Als Beispiel nannte er das Hilfsprogramm der Bundesregierung, das innerhalb einer Woche von Bundestag und Bundesrat verabschiedet wurde. „Im Normalfall“, so Stempfle, hätten Journalisten Monate Zeit, um „die Kritikpunkte“ der Opposition und der Experten zu sammeln und zu verstehen: „Was sind die Vorteile, was sind die Nachteile der Reform?“ Das werde zwar jetzt auch gemacht, doch: „Bei der Fülle von Maßnahmen in so kurzer Zeit kommt am Schluss weniger pro Gesetz in die Berichterstattung.“ Der Medienwissenschaftler Otfried Jarren warf dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen „Systemjournalismus“ und „Hofberichterstattung“ vor. Seit Wochen treten immer die gleichen Experten und Politiker auf, die als Krisenmanager präsentiert würden, schreibt Jarren in einem Beitrag für den Fachdienst „epd Medien“.

In etlichen Ländern kommen offenbar Versuche hinzu, aktiv in die journalistische Arbeit einzugreifen. Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ (ROG) beklagt „weltweit gravierende Auswirkungen auf die Pressefreiheit“ durch die Covid-19-Pandemie. Etliche Regierungen reagierten auf die Corona-Krise mit autoritären Reflexen wie Zensur, Überwachung, Repression und Desinformation. Als Beispiele nennt ROG China und den Iran, die von Anfang an versucht hätten, das Ausmaß der Epidemie zu vertuschen und unabhängige Berichte darüber zu verhindern. In Armenien dürften Journalistinnen und Journalisten im Zuge des Ausnahmezustands nur noch amtliche Informationen zur Corona-Krise veröffentlichen und in Honduras sei gar der Verfassungsartikel zur Pressefreiheit außer Kraft gesetzt. Das Committee to Protect Journalists berichtet darüber hinaus von neuen Strafen auf den Philippinen. Dort können für „Falschmeldungen“ über Covid-19 bis zu zwei Monate Haft verhängt werden. Auch Brasilien schränke den freien Zugang zu Informationen ein.

Doch auch in Europa scheint die Arbeit der Medien nicht immer problemlos. Der Geschäftsführer des Europäischen Zentrums für Presse- und Meinungsfreiheit, Lutz Kinkel, beklagte einen gefährliche Abbau demokratischer Rechte etwa in Ungarn oder Tschechien. „Dort nutzen autokratische Regierungschefs die Corona-Pandemie, um ihre Macht auszuweiten und die Pressefreiheit weiter einzuschränken“, sagte er der Katholischen Nachrichten-Agentur. In Ungarn will die Regierung ein Notverordnungsgesetz durchsetzen, das neben weitreichenden Vollmachten für den Ministerpräsidenten bis zu fünf Jahre Haft für die Veröffentlichung falscher oder verzerrter Berichte vorsieht. Der tschechische Ministerpräsident Babis begrenzte den Zugang zu Pressekonferenzen, in denen er über den Status des Landes und die Ausbreitung des Coronavirus informiert. Kinkel: „Er hat kritische Medien rausgeworfen und lässt nur noch ihm gewogene Medien zu.“ Und der slowenische Ministerpräsident Janez Jansa forderte einem österreichischen Medium zufolge gerade vom öffentlich-rechtlichen Fernsehsender RTV Slovenija, keine „Lügen zu verbreiten. Wir bezahlen euch dafür, dass ihr in diesen Zeiten die Öffentlichkeit informiert und nicht irreführt.“ Das Internationale Presse-Institut sprach daraufhin von einem „zunehmend toxischen Klima“ für Journalisten in Slowenien.

Der wirtschaftliche Druck

Die Corona-Krise hat auch über die eigentliche Berichterstattung hinaus Folgen. Die meisten Medien finanzieren sich über den Verkauf von Abonnements, vor allem aber über Anzeigen. Und die brechen derzeit weg. Anzeigenblätter trifft es am deutlichsten, hier liegt die Stornoquote laut dem Bundesverband Deutscher Anzeigenblätter bei 70 bis 90 Prozent. Aber auch Tageszeitungen leiden. Wie das Medienportal MEEDIA berichtet, befürchten die Mitglieder des Bundesverbandes Digitalpublisher und Zeitungsverleger (BDZV) einen Einbruch bei den Vermarktungserlösen um bis zu 80 Prozent. Was das für einzelne Publikationen bedeutet, ist noch offen.

Die Folge bis jetzt: Etliche Verlage vergeben weniger Aufträge an Freie (die dadurch zum Teil existentielle Nöte durchleben) und setzen ihre Mitarbeitenden auf Kurzarbeit. Eine falsche Entwicklung, meint der Deutsche Journalistenverband, DJV. „Während Deutschland in vielen Bereichen eine Zwangspause einlegt, muss der Journalismus genau das Gegenteil tun“, schreibt Wolfgang Grebenhof vom DJV-Bundesvorstand. Das Personal jetzt durch Kurzarbeit noch weiter zu dezimieren, bedeute für Tageszeitungen nicht weniger als Selbstmord auf Raten. „Wer jetzt, in der Krise, seinen Lesern ein verlässlicher, glaubwürdiger, aber auch unterhaltsamer Begleiter ist, der hat gute Chancen auf langfristige Treue. Wer aber sein Publikum mit dünnen Notausgaben abspeist und an redaktionellen Inhalten spart, macht sich auf Dauer entbehrlich.“

Deutlicher Zuwachs im Online-Geschäft

Denn eines zeigt sich gerade in der Krise auch: Das Bedürfnis nach verlässlicher und unabhängiger Information ist hoch. Viele Verlage verzeichnen Rekordreichweiten gerade für Ihre Online-Angebote. Nach Angaben des Verbandes Deutscher Zeitschriftenverlager, VDZ, erreichten die Verlage in der ersten Märzhälfte bereits rund 80 Prozent des Visit-Volumens des gesamten Vorjahresmonats. Nachrichtensendungen wie die „Tagesschau“ verzeichnen durchwegs gute Quoten und das NDR-Podcast-Format „Coronavirus-Update“ mit dem Virologen Christian Drosten von der Berliner Charité wurde bisher insgesamt 15 Millionen Mal abgerufen.

Medienjournalisten kritisieren allerdings eine zunehmende Gleichförmigkeit der Berichte und Interviews in den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendungen. Im Deutschlandfunk Kultur etwa forderte die Medienjournalistin Vera Linß, im Zusammenhang mit der Bekämpfung des Coronavirus die Themen Überwachung und Datenschutz stärker in den Fokus zu nehmen. Viele Journalisten schienen sich derzeit dazu verpflichtet zu fühlen, die Krisenstrategie der Bundesregierung weitgehend kritiklos zu transportieren – „als eine Art Service-Journalismus“. Womit wir wieder am Ausgangspunkt dieses Textes wären.

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