BR-Nachrichten: Bhakdis Brief an die Kanzlerin – Was ist dran an seinen Fragen?

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Bhakdis Brief an die Kanzlerin – Was ist dran an seinen Fragen?

Videos und ein offener Brief des Mikrobiologen Sucharit Bhakdi finden derzeit weite Verbreitung. Er kritisiert die Maßnahmen der Regierung in der Coronakrise und stellt Fragen. Der #Faktenfuchs hat sie geprüft.

Der Mikrobiologe Sucharit Bhakdi hat seit 13 Tagen einen eigenen Youtube-Kanal. Die bislang vier Videos dort finden extrem viel Resonanz. In seinem ersten Video behauptet er, dass die Maßnahmen in der Corona-Krise sinnlos und selbstzerstörerisch seien. Sein neuestes Video ist ein offener Brief an Bundeskanzlerin Merkel mit fünf Fragen, die auch als PDF-Dokument kursieren. Er will nach eigenen Angaben damit feststellen, wie begründet die derzeitigen massiven Einschränkungen unserer Grundrechte seien.

Coronavirus: Alles Wissenswerte finden Sie hier.

Wer ist Sucharit Bhakdi?

Sucharit Bhakdi ist emeritierter Professor. Er leitete 22 Jahre das Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene der Universität Mainz. Auf seinem Youtube-Kanal lässt er sich als „einer der am häufigsten zitierten Medizinforscher Deutschlands“ vorstellen. Das suggeriert, er gehöre zu einer Spitzengruppe von Forschern, aber es ist ein sehr dehnbarer Begriff.

Auf Plattformen wie „Web of Science“ oder „researchgate“ kann man nachvollziehen, wieviel einzelne Forscher veröffentlichen oder wie oft sie von anderen zitiert werden. Das gilt als Gradmesser für die Resonanz, die die Forschung von Wissenschaftlern findet.

Die Suche nach Sucharit Bhakdi auf diesen Plattformen zeigt: Er wird zwar immer wieder zitiert, aber es gibt viele andere Forscher, die genauso viel oder mehr Resonanz erfahren als er. Tatsächlich sagen Fachkollegen, dass Bhakdi in den neunziger Jahren ein renommierter Mikrobiologe war. Allerdings ist er seit acht Jahren im Ruhestand. Sein Forschungsgebiet waren zum Beispiel Atherosklerose, bakterielle Toxine, Malaria und Dengue. (Wikipedia, Researchgate). Epidemiologische Fragen, wie er sie rund um das neuartige Coronavirus in seinen Videos thematisiert, standen nicht im Zentrum.

These und Frage #1: Statistik

Zitat Bhakdi: „In der Infektiologie – begründet von Robert Koch selbst – wird traditionell zwischen Infektion und Erkrankung unterschieden. Eine Erkrankung bedarf einer klinischen Manifestation. [1] Deshalb sollten nur Patienten mit Symptomen wie etwa Fieber oder Husten als Neuerkrankungen in die Statistik eingehen. Mit anderen Worten bedeutet eine Neuinfektion – wie beim COVID-19 Test gemessen – nicht zwangsläufig, dass wir es mit einem neuerkrankten Patienten zu tun haben, der ein Krankenhausbett benötigt. Derzeit wird aber angenommen, dass fünf Prozent aller infizierten Menschen schwer erkranken und beatmungspflichtig werden. Darauf basierende Hochrechnungen besagen, dass das Gesundheitssystem im Übermaß belastet werden könnte.“

Sucharit Bhakdi fragt deswegen Bundeskanzlerin Merkel:

„Wurde bei den Hochrechnungen zwischen symptomfreien Infizierten und tatsächlichen, erkrankten Patienten unterschieden – also Menschen, die Symptome entwickeln?“

Die Fakten zur Statistik in der Coronakrise

An Bhakdis Ausführungen ist die Rhetorik interessant. Er betont, eine Neuinfektion würde nicht bedeuten, dass ein Patient auch ein Krankenhausbett brauche. Im Zusammenhang mit der Frage nach Hochrechnungen, die später folgt, suggeriert das, die Politik würde mit völlig falschen Zahlen hantieren. Allerdings hat nie jemand behauptet, ein neuinfizierter Patient würde automatisch ein Krankenhausbett brauchen. Renommierte Einrichtungen wie etwa das Robert-Koch-Institut betonen, dass bei weitem nicht jeder mit Sars-CoV-2 Infizierte Krankheitszeichen aufweist. Trotzdem ist es hilfreich, die Zahl der Infizierten als Grundlage zu nehmen, um das Ausmaß der kommenden Epidemie abzuschätzen.

Das sagt auch Hendrick Streeck, der Leiter der Virologie am Universitätsklinikum Bonn. Aktuell werde zwar tatsächlich nicht zwischen symptomfreien Erkrankten und tatsächlich erkrankten Patienten unterschieden, aber: „Man muss ja erstmal anfangen die Daten zu erheben.“ Derzeit geht man ja erstmal davon aus, dass es jetzt darum geht, dass die Infektion sich nicht so extrem ausbreitet, dass das Gesundheitssystem kollabiert.“ Daher werde noch nicht zwischen „symptomfrei“ und „nicht symptomfrei“ unterschieden, weil man wisse, dass auch symptomfreie Menschen das Virus übertragen können.

Zur Frage, wie viele der Infizierten tatsächlich erkranken, nennt das Robert-Koch-Institut unter Verweis auf drei wissenschaftliche Studien einen sogenannten Manifestationsindex: Der besagt, dass zwischen 51 und 81 Prozent der Infizierten erkranken, also Symptome zeigen. Bei denjenigen, die erkranken, zeigen sich wiederum bei rund einem Fünftel schwerere oder lebensbedrohliche Krankheitsverläufe – von einer Lungenentzündung mit Atemnot bis hin zu multiplem Organversagen. Bezogen auf die Zahl der Infizierten bedeutet das: Zwischen 10 und 16 Prozent der Infizierten erkranken schwer.

These und Frage #2: Gefährlichkeit

Zitat Bhakdi: „Eine Reihe von Coronaviren sind – medial weitgehend unbemerkt – schon seit Langem im Umlauf. Sollte sich herausstellen, dass dem COVID-19 Virus kein bedeutend höheres Gefahrenpotential zugeschrieben werden darf als den bereits kursierenden Coronaviren, würden sich offensichtlich sämtliche Gegenmaßnahmen erübrigen. In der international anerkannten Fachzeitschrift ‚International Journal of Antimicrobial Agents‘ wird in Kürze eine Arbeit erscheinen, die genau diese Frage adressiert. Vorläufige Ergebnisse der Studie sind schon heute einsehbar und führen zu dem Schluss, dass das neue Virus sich von traditionellen Coronaviren in der Gefährlichkeit NICHT unterscheidet. Dies bringen die Autoren im Titel ihrer Arbeit ‚SARS-CoV-2: Fear versus Data‘ zum Ausdruck.“

Bhakdi zweifelt an, ob Sars-CoV-2 bedeutend gefährlicher sein wird als die bereits kursierenden Coronaviren und fragt deshalb Angela Merkel: „Wie sieht die gegenwärtige Auslastung von Intensivstationen mit Patienten mit diagnostizierten COVID-19 im Vergleich zu anderen Coronavirus-Infektionen aus, und inwiefern werden diese Daten bei der weiteren Entscheidungsfindung der Bundesregierung berücksichtigt?“

Die Fakten zur Gefährlichkeit des neuartigen Coronavirus

Tatsächlich ist das eine interessante Frage, zu der auch Virologen wie Hendrik Streeck von der Uniklink Bonn die Antwort interessieren würde. Aber die Datenlage zu Coronavirus-Infektionen ist sehr gering, sagt er: „Das liegt daran, dass die grippalen Infekte, die die anderen Coronaviren auslösen, uns nie so richtig interessiert haben. Das mag im Nachgang ein Fehler gewesen sein, dass da die Forschung oder das öffentliche Interesse für solche Viren nicht so groß war.“

Man müsse allerdings bedenken, sagte Streeck, dass Sars-Cov-2 ein neues Virus sei und das müsse man erstmal einschätzen lernen. Man dürfe es weder bagatellisieren noch dramatisieren. Aber: „Wir hatten alle als Kinder Corona-Virus-Infektionen, haben dadurch Immunität aufgebaut, jetzt kommt ein neues Virus, mit dem bisher keiner zu tun hatte“, sagte Streeck. „Dadurch kann es sehr schwere Verläufe geben und das wird nicht durch unser immunologisches Gedächtnis abgefangen.“

These und Frage #3: Verbreitung

Zitat Bhakdi: „Laut eines Berichts der Süddeutschen Zeitung ist nicht einmal dem viel zitierten Robert-Koch-Institut genau bekannt, wie viel auf COVID-19 getestet wird. Fakt ist jedoch, dass man mit wachsendem Testvolumen in Deutschland zuletzt einen raschen Anstieg der Fallzahlen beobachten konnte. [4] Der Verdacht liegt also nahe, dass sich das Virus bereits unbemerkt in der gesunden Bevölkerung ausgebreitet hat. Das hätte zwei Konsequenzen: erstens würde es bedeuten, dass die offizielle Todesrate – am 26.03.2020 etwa waren es 206 Todesfälle bei rund 37.300 Infektionen, oder 0.55 Prozent [5] – zu hoch angesetzt ist; und zweitens, dass es kaum mehr möglich ist, eine Ausbreitung in der gesunden Bevölkerung zu verhindern.“

Sucharit Bhakdi bezweifelt, dass die offiziellen Todesraten stimmen, und vermutet, dass das Virus schon so weit verbreitet sein könnte, dass man es ohnehin nicht mehr eindämmen könne. Er fragt:

„Hat es bereits eine stichprobenartige Untersuchung der gesunden Allgemeinbevölkerung gegeben, um die Realausbreitung des Virus zu validieren, oder ist dies zeitnah vorgesehen?“

Fakten zur Verbreitung des Corona-Virus

Die Frage, die Bhakdi formuliert, ist nicht neu. Tatsächlich ist das Eingrenzen der sogenannten „Dunkelziffer“ ein Thema, an dem deutsche Virologen schon arbeiten. Dazu braucht man repräsentative Untersuchungen, bei denen systematisch verschiedene Bevölkerungsgruppen getestet werden, erklärt der Virologe Hendrik Streeck von der Uniklinik Bonn: „Man muss da sehr genau vorgehen, also die Altersstrukturen von Deutschland erfassen und auch Berufsgruppen am besten erfassen, vielleicht auch sogar Verhaltensweisen.“

Das sind aufwändige Studien, genau solche Untersuchungen aber sind inzwischen geplant und, im Falle von Streeck und Kollegen, schon in Arbeit. Letztere erheben dazu gerade im Landkreis Heinsberg Daten. Die Region, in der als erstes die Covid-19-Zahlen nach oben schnellten, dient ihnen als Art Modellregion. „Wir wollen das zensusartig aufziehen, dass wir in einer Stichprobe versuchen zu verstehen, wie hoch die Dunkelziffer in Heinsberg ist.“

Darüber hinaus bereitet der Epidemiologe Gérard Krause am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung Braunschweig eine Studie vor, die herausfinden soll, wie viele Menschen nach einer Infektion mit dem Sars-Cov-2 immun gegen die Lungenkrankheit sind. Ab April wollen die Wissenschaftler das Blut von mehr als 100.000 Probanden auf Antikörper untersuchen. Die Ergebnisse sollen helfen, die Entwicklung der Epidemie in Deutschland zu überwachen.

These und Frage #4: Mortalität

Zitat Bhakdi: „Die Angst vor einem Ansteigen der Todesrate in Deutschland (derzeit 0.55 Prozent) wird medial derzeit besonders intensiv thematisiert. Viele Menschen sorgen sich, sie könne wie in Italien (10 Prozent) und Spanien (7 Prozent) in die Höhe schießen, falls nicht rechtzeitig gehandelt wird. Gleichzeitig wird weltweit der Fehler begangen, virusbedingte Tote zu melden, sobald festgestellt wird, dass das Virus beim Tod vorhanden war – unabhängig von anderen Faktoren. Dieses verstößt gegen ein Grundgebot der Infektiologie: erst wenn sichergestellt wird, dass ein Agens an der Erkrankung bzw. am Tod maßgeblichen Anteil hat, darf die Diagnose ausgesprochen werden. Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften schreibt in ihren Leitlinien ausdrücklich: ‚Neben der Todesursache muss eine Kausalkette angegeben werden, mit dem entsprechenden Grundleiden auf der Todesbescheinigung an dritter Stelle. Gelegentlich müssen auch viergliedrige Kausalketten angegeben werden.‘ [6] Derzeit gibt es keine offiziellen Angaben darüber, ob zumindest im Nachhinein kritischere Analysen der Krankenakten unternommen worden, um festzustellen, wie viele Todesfälle wirklich auf das Virus zurückzuführen seien.“

Bhakdi bemängelt, dass die Todesrate nicht richtig abgebildet wird, wenn die Statistik nicht zwischen „gestorben an Covid-19“ und „gestorben mit Covid-19“ unterscheidet und fragt:

„Ist Deutschland dem Trend zum COVID-19 Generalverdacht einfach gefolgt? Und: gedenkt es, diese Kategorisierung weiterhin wie in anderen Ländern unkritisch fortzusetzen? Wie soll dann zwischen echten Corona-bedingten Todesfällen und zufälliger Viruspräsenz zum Todeszeitpunkt unterschieden werden?“

Die Fakten zu Corona-Todesfällen

Unter dem Stichpunkt „Mortalität“ thematisiert Bhakdi hier einen Zusammenhang, der eigentlich mit dem Begriff „Letalität“ beschrieben wird: Letalität beschreibt, wieviel Prozent der mit Sars-Cov-2 Infizierten sterben. Mortalität hingegen beschreibt, wieviel Prozent der Gesamtbevölkerung (egal ob infiziert oder nicht infiziert) an der virusbedingten Erkrankung sterben. Beides hängt miteinander zusammen, Mortalität berechnet sich aus der Letalität eines Erregers und seiner Verbreitung. Die Begriffe aber sollten unterschieden werden.

Das Robert-Koch-Institut zählt laut Angaben einer Sprecherin als Corona-Todesfälle alle Menschen, die mit einer COVID-19-Erkrankung in Verbindung stehen.

Das heißt, wer mit dem aktuellen Coronavirus infiziert war und stirbt, zählt als Corona-Todesfall. Unabhängig davon, ob er direkt an der Erkrankung infolge der Infektion starb oder ob er an mehreren Erkrankungen litt und der ausschlaggebende Faktor unklar ist.

Selbst wenn die Behörden die Unterscheidung zwischen „an“ oder „mit“ COVID-19 erheben wollten, ist das in der Praxis nicht immer einfach zu unterscheiden. Dazu schreibt Matthias Graw, Vorstand der Rechtsmedizin an der LMU München, auf Anfrage: „Die sichere Benennung der Todesursache setzt eine eingehende Kenntnis des Krankheitsverlaufs einerseits und des morphologischen Befundes (durch Sektion) andererseits voraus. Diese Anknüpfungspunkte hat der leichenschauende Arzt, der die Todesbescheinigung ausfüllt, in vielen Fällen nicht. Er wird dann i.d.R. auch nicht sicher unterscheiden können, ob jemand ‚mit‘ (i.S. von positiv getestet) oder ‚an‘ (i.S. einer kausalen Beziehung) Sars-CoV-2 gestorben ist. Daher ist davon auszugehen, dass auf der Todesbescheinigung nicht zuverlässig zwischen beiden Varianten unterschieden wird.“

Der Virologe Hendrik Streeck geht davon aus, dass die Statistik später korrigiert werden muss. Trotzdem gebe es eine berechtigte Annahme, dass Covid-19 eine höhere Sterblichkeitsrate habe als die Grippe. Es gehe nicht darum zu bagatellisieren, so Streeck. „Aber mir ist auch aufgefallen, dass es einige Todesfälle gibt, wo man annehmen muss, dass das neue Coronavirus nicht die Ursache für den Tod war, sondern der Mensch aus einem anderen Grund gestorben ist und man zufällig auch Coronaviren dort gefunden hat.“

Tatsächlich gibt es dazu erste Erkenntnisse aus einer chinesischen Studie. Die Mediziner haben für die Fachzeitschrift „The Lancet“ die Krankheitsverläufe von 191 Patienten aus zwei Kliniken in Wuhan analysiert, bei denen das Virus im Labor nachgewiesen wurde und die am 31. Januar entweder als geheilt entlassen oder verstorben waren. Laut dieser Studie sind die Todesursachen meist klar auf Covid-19 rückführbar, meint Gerd Fätkenheuer, Leiter der Infektiologie an der Kölner Uniklinik: „In der Studie waren die häufigsten Begleiterkrankungen eine arterielle Hypertonie und ein Diabetes mellitus, die in den meisten Fällen nicht unmittelbar tödlich sind. Insofern ist es hoch wahrscheinlich, dass die Lungenentzündung verursacht durch das Sars-CoV-2-Virus tatsächlich die Todesursache in den meisten Fällen war.“

These und Frage #5: Vergleichbarkeit

Zitat Bhakdi: „Immer wieder wird die erschreckende Situation in Italien als Referenzszenario herangezogen. Die wahre Rolle des Virus in diesem Land ist jedoch aus vielen Gründen völlig unklar – nicht nur, weil die Punkte 3 und 4 auch hier zutreffen, sondern auch, weil außergewöhnliche externe Faktoren existieren, die diese Regionen besonders anfällig machen. Dazu gehört unter anderem die erhöhte Luftverschmutzung im Norden Italiens. Laut WHO-Schätzung führte diese Situation 2006 auch ohne Virus zu über 8.000 zusätzlichen Toten allein in den 13 größten Städten Italiens pro Jahr. Die Situation sich hat sich seitdem nicht signifikant verändert. Schließlich ist es darüberhinaus auch erwiesen, dass Luftverschmutzung bei sehr jungen und älteren Menschen das Risiko viraler Lungenerkrankungen sehr stark erhöht. Außerdem leben 27.4 Prozent der besonders gefährdeten Population in diesem Land mit jungen Menschen zusammen, in Spanien sogar 33.5 Prozent. In Deutschland sind es zum Vergleich nur sieben Prozent. Hinzu kommt, dass Deutschland laut Prof. Dr. Reinhard Busse, Leiter des Fachgebiets Management im Gesundheitswesen an der TU Berlin, in Sachen Intensivstationen deutlich besser ausgestattet ist als Italien – und zwar etwa um den Faktor 2,5.“

Bhakdi fragt die Kanzlerin:

„Welche Bemühungen werden unternommen, um der Bevölkerung diese elementaren Unterschiede nahe zu bringen und den Menschen verständlich zu machen, dass Szenarien wie in Italien oder Spanien hier nicht realistisch sind?“

Die Fakten zur Vergleichbarkeit mit anderen Coronaviren

Laut Sucharit Bhakdi sind Szenarien, bei denen das Gesundheitssystem aufgrund der COVID-19-Fälle am Rande des Kollaps steht und wie sie aktuell in Italien und Spanien herrschen, für Deutschland nicht realistisch. Er führt vor allem zwei Argumente an: andere Umweltbedingungen und ein besser ausgestattetes Gesundheitssystem in Deutschland.

Bhakdis These von den Umwelteinflüssen haben sich in den vergangenen Tagen schon mehrere Faktenchecker gewidmet, zum Beispiel der unabhängige Faktenchecker-Verein Mimikama und der ZDF-Faktencheck. Beide zeigen, dass sich die Aussage, dass der externe Einflussfaktor Luftverschmutzung in Italien und Spanien die Menschen dort entscheidend anfälliger für schwere Verläufe mache, sich wissenschaftlich nicht belegen lässt. Zwar ist die Luftverschmutzung zum Beispiel im Großraum Mailand erheblich. Andererseits aber seien weder besonders betroffene Regionen wie Bergamo im europäischen Vergleich außergewöhnlich belastet, noch habe sich in der Vergangenheit gezeigt, dass in Italien und Spanien übermäßig viele Patienten an Lungenerkrankungen starben. Es gibt bisher keine belastbaren Daten für den Zusammenhang zwischen Luftverschmutzung und Sterblichkeit bei einer COVID-19-Infektion.

Diskutiert wird der Faktor jedoch, ebenso etwa die Vorbelastung durch Rauchen, wie ein anderer #Faktenfuchs erklärt. Mit dem Verweis, dass das deutsche Gesundheitssystem besser mit Intensivbetten ausgestattet sei als das italienische, hat Sucharit Bhakdi Recht.

Es gibt berechtigten Grund zu Annahme, dass deutsche Kliniken besser mit der Epidemie zurechtkommen. Allerdings gehen die Hochrechnungen der Behörden trotzdem davon aus, dass bei einem ungebremsten Verlauf der Epidemie auch deutsche Krankenhäuser dem Bedarf nicht gewachsen sind. Schwachstelle in der Versorgung bleibt das Personal: Sollten vermehrt Ärzte und Pflegepersonal ausfallen, weil sie sich infizieren, dann können Intensivbetten, die im Prinzip vorhanden wären, nicht belegt werden.

Zudem bleiben bei einer ungebremsten Ausbreitung von Sars-Cov-2 auch die anderen intensiv zu behandelnden Patienten – wie Unfallopfer oder Krebspatienten. Auch unter ihnen könnten dann mehr Menschen sterben als ohne die Pandemie, weil die Kapazitäten in den Kliniken nicht ausreichen für alle. 

FAZIT

Der emeritierte Mikrobiologe Sucharit Bhakdi stellt in seinem Brief an die Bundeskanzlerin Fragen, die zum Teil auch unter Forschern diskutiert werden. Die Abschätzung der sogenannten Dunkelziffer bei den Infizierten zum Beispiel oder die Frage, wie man die Tödlichkeit des Sars-Cov-2-Erregers beurteilen kann, wenn man nicht zwischen „an“ und „mit“ COVID-19 unterscheidet. Die Annahmen, die seinen Fragen zugrunde liegen, suggerieren, dass die Gefährlichkeit des Sars-Cov-2-Erregers überschätzt werde, sie sind aber oft nicht wissenschaftlich belegt und verweisen vor allem auf Datenlücken. Forscher betonen: Die Lückenhaftigkeit der Datenlage sei kein Grund, Entwarnung zu geben

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