Der Unwille der Politik steht im Wege! „Konzerne richtig zu besteuern wäre leicht“ Genug der Steuervermeidungsindustrie!

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„Konzerne richtig zu besteuern wäre leicht“

Interview Gabriel Zucman meint, die Globalisierung könnte sich durch Steuerdumping selbst zerstören
„Konzerne richtig zu besteuern wäre leicht“

„Trumps Steuerreform: So kapern die Reichen unsere Demokratie“

Foto: Ian Bates/NYT/Redux/laif

Gabriel Zucman ist derzeit ein gefragter Mann. Er ist erst 33, aber hat schon bei Thomas Piketty promoviert und mehrere Bücher zum Thema Steuerhinterziehung und Vermögensungleichheit veröffentlicht. Vor kurzem war Zucman in Berlin, um sein neues Buch Der Triumph der Ungerechtigkeit vorzustellen, das er zusammen mit Emmanuel Saez verfasst hat. Die beiden erklären darin, wie das US-amerikanische Steuersystem in den letzten Jahrzehnten immer weniger progressiv geworden ist und suchen Alternativen zum internationalen Steuerdumpingwettlauf.

der Freitag: Herr Zucman, in den letzten Jahren haben wir einen Steuerskandal nach dem anderen erlebt: Panama Papers, Paradise Papers, Cum-Ex und immer so weiter. Trotz der großen medialen Aufmerksamkeit entsteht aber der Eindruck, die Öffentlichkeit bliebe unbeeindruckt. Wie geht das zusammen?

Gabriel Zucman: Die Menschen erleben eine Vervielfältigung dieser Skandale, aber haben das Gefühl, dass gegen Steuerflucht nichts getan werden kann. Es scheint hoffnungslos, diese Probleme anzugehen. Deshalb wollten wir in unserem Buch erklären, welche Lösungen es tatsächlich gibt. Steuerhinterziehung fällt nicht vom Himmel, sie ist von Gesetzen abhängig: Manche Regierungen akzeptieren sie, manche fördern sie sogar, manche wollen sie aber auch bekämpfen. Wichtig ist es, die Steuervermeidungsindustrie zu regulieren, die Menschen und Unternehmen dabei hilft, der Besteuerung zu entgehen. Diese Industrie war lange streng reguliert worden, aber seit den 1980er-Jahren wird sie im Grunde toleriert.

Wie kann diese Industrie wieder zurückgedrängt werden?

Man müsste die beteiligten Finanzunternehmen sanktionieren. Und es ist wichtig, soziale Normen zu stärken. Roosevelt schuf mit dem Steuersystem der New-Deal-Ära nicht allein ein progressives System: Er erklärte auch im Radio, warum es wichtig ist, Steuern zu zahlen, und griff Steuertrickser an. Er schuf die Normen, die ein progressives Steuersystem erst funktionsfähig machen.

Sie sprechen von einer Steuervermeidungsindustrie. Was unterscheidet diese von den Versuchen normaler Bürger, ihre Steuerlast zu verringern?

Ich glaube, die Grenze ist klar: In den meisten Ländern gilt jede Transaktion, die einzig der Steuervermeidung dient, als illegale Steuerflucht. Wenn Sie eine Strohfirma auf den Bermudas gründen, die völlig substanzlos ist und allein dazu dient, Steuern zu vermeiden, dann ist das illegal. Anders ist es, wenn Sie in Wertpapiere investieren, die weniger besteuert werden, aber ökonomische Substanz haben. Nehmen wir etwa Staatsanleihen, deren Zinszahlungen vielleicht weniger oder gar nicht besteuert werden. An dieser Transaktion ist nichts verwerflich. In Einzelfällen mag es schwierig sein, die Grenze zwischen diesen Praktiken zu ziehen, aber ich denke, der Unterschied ist grundsätzlich klar.

Sie arbeiten viel zu dem Thema Ungleichheit, die manche Ökonomen ja nicht als notwendig schlecht ansehen. Warum halten Sie Ungleichheit für ein Problem?

Es geht um das Ausmaß der Ungleichheit. Es gibt einen Punkt, an dem sie zum Problem für eine Gesellschaft und ihre demokratischen Institutionen werden kann. Woran liegt das? Nun, für die Armen und für die Mittelschicht bedeutet Wohlstand Sicherheit. Für die Superreichen bedeutet Wohlstand hingegen Macht. Macht, um Politik, Gesetzgebung und die herrschende Ideologie durch Thinktanks, Stiftungen und Zeitungen zu beeinflussen. Eine extreme Konzentration des Reichtums bedeutet auch eine extreme Konzentration von Macht. Ab welchem Punkt Ungleichheit zu einem Problem wird, ist schwer zu sagen. Es ist aber auch nicht die Aufgabe von Ökonomen, das zu entscheiden, sondern die einer gut informierten Öffentlichkeit. Ökonomen können nur Daten bereitstellen, um den demokratischen Diskurs zu unterstützen.

Was denken Sie persönlich? Ist der Kipppunkt, an dem Ungleichheit ein demokratisches Problem wird, schon überschritten?

Sehen wir uns die USA an, besonders die Steuergesetze der Trump-Administration von 2017: Dort wurden die Steuern für Leute wie Trump gesenkt, und das nach Jahrzehnten zunehmender Ungleichheit und sinkender Steuerprogressivität. Es fällt schwer, diese Reform nicht als plutokratische Kaperung des politischen Prozesses zu deuten. Oder sehen Sie sich die Bloomberg-Kampagne an! Wenn es ein reiches, demokratisches Land gibt, das den Kipppunkt bereits überschritten hat, dann wären es wohl die USA.

Zur Person

Gabriel Zucman, 33, wurde in Paris geboren, promovierte an der École d’Économie de Paris und ist heute Assistant Professor für Wirtschaftswissenschaften an der University of California, Berkeley. Sein Buch Steueroasen. Wo der Wohlstand der Nationen versteckt wird paraphrasierte 2014 im Titel Adam Smiths Wealth of Nations. Seit 2015 ist Gabriel Zucman Ko-Direktor der World Inequality Database, einer globalen Da- tenbank zur Erforschung der ungleichen Verteilung von Vermögen und Einkommen.

In den letzten Jahrzehnten sanken die Steuern für Superreiche, zugleich wuchs die Steuervermeidungsindustrie. Wie kann das sein? Wieso verstecken die Reichen die wenigen Steuern, die sie zahlen müssen, auch noch?

Nun, Steuerflucht ist kein psychologisches Phänomen. Die Reichen wachen nicht morgens auf und sagen: „Oh, meine Steuern sind zu hoch, ich werde Steuertrickser!“. Steuerflucht wird vor allem von der Vermeidungsindustrie angetrieben, sie ist durch das Angebot bestimmt. Dazu kommt: Die sinkenden Steuersätze für Reiche wurden durch die „trickle down“-Ideologie gerechtfertigt, die besagt, dass eine geringere Steuerbelastung für die Reichen die gesellschaftliche Wohlfahrt insgesamt steigert.

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