Das Böhmermann-Paradoxon – Die Niveaulosigkeit macht aus dem Schmähen einen Schmäh; UND: Gastbeitrag „Pennälerhaft!“ – Literaturprofessor analysiert das Böhmermann-Schmähgedicht

Finanzmarkt- und Konzernmacht-Zeitalter der Plutokratie unterstützt von der Mediakratie in den Lobbykraturen der Geld-regiert-Regierungen in Europa, Innsbruck am 17.04.2016

Liebe® Blogleser_in,

Bewusstheit, Liebe und Friede sei mit uns allen und ein gesundes sinnerfülltes Leben wünsch ich ebenfalls.

Aus dieser Quelle zur weiteren Verbreitung entnommen: http://www.wienerzeitung.at/meinungen/gastkommentare/812962_Das-Boehmermann-Paradoxon.html

Das Böhmermann-Paradoxon

Von Isolde Charim

Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.

Isolde Charim ist Philosophin und Publizistin und arbeitet als wissenschaftliche Kuratorin am Kreisky Forum in Wien.© Daniel Novotny

Es gibt einen alten Sowjetwitz: Rabinowitsch geht ins Moskauer Auswanderungsamt und sagt, er möchte auswandern. Der Beamte verlangt eine Begründung. Rabinowitsch antwortet: „Ich habe zwei Gründe. Erstens fürchte ich mich davor, dass die kommunistische Herrschaft in der Sowjetunion zusammenbrechen wird“ – der Beamte unterbricht ihn: „Aber das ist ja vollkommen absurd! Die kommunistische Herrschaft in der Sowjetunion ist unbesiegbar, bei uns kann sich nichts verändern!“ „Nun, erwidert Rabinowitsch, das ist mein zweiter Grund.“

Slavoj Zizek schreibt über seinen Lieblingswitz: Der Witz hat eine „dialogische Ökonomie“ – er schließt die Reaktion des Zuhörers ein, der Protest gegen den ersten Grund produziert den zweiten.

Man hat den Eindruck, Deutschland und Ankara spielen derzeit Rabinowitsch. Mit Steigerungsstufe. Nach einem ersten Durchlauf, wo Erdogan schon gegen ein „seriöses“ satirisches Lied protestiert hatte, legte Jan Böhmermann nach. Nach der Erklärung, was verbotene Schmähkritik sei – eine strafrechtlich relevante Diffamierung -, las der Satiriker ein Gedicht vor, das so geschmacklos wie möglich ist und alle rassistischen Stereotypen gegen Türken auffährt. Prompt protestierte Erdogan erneut. Und nun gibt es eine Debatte, die sich zu einer Staatsaffäre auswuchs: Ist das noch erlaubte Satire oder verbotene Schmähkritik (mit der Besonderheit der Majestätsbeleidigung)? Und ist es noch eine Schmähkritik, wenn man vorher warnt, das darf man nicht sagen – und es unter diesem Schutz ausspricht?

Wann sagt einer, der sagt: „Ich lüge“, die Wahrheit? Wenn er lügt, widerspricht er sich, denn dann sagt er ja die Wahrheit. Und wenn er die Wahrheit sagt, dann lügt er – eben weil er nicht lügt. Das ist das Böhmermann-Paradoxon.

Je grauslicher, niveauloser und unverschämter Böhmermanns Gedicht ist – vom Ziegenficker bis zum Genitalgeruch -, desto mehr kippt es in Richtung Satire. Denn je grauslicher, desto unglaubwürdiger. Niemand, auch nicht Böhmermann, unterstellt Erdogan im Ernst solche Praktiken. Die Niveaulosigkeit macht aus dem Schmähen einen Schmäh. Je weniger grauslich, je niveauvoller man sich über Erdogan lustig macht – je mehr man der Forderung nach Sachlichkeit und „ernster“ Satire Genüge tut -, desto mehr kippt es in Richtung echter Denunziation. Es ist dies die Unterscheidung zwischen Inhalt der Aussage und Art des Aussagens. Wann sagt einer, der sagt: „Es ist verboten, solch eine Schmähkritik zu machen“ die Wahrheit? Dieser Gestus, das, was Juristen den „Kontext“ oder die „Einbettung“ in die Umstände nennen, verschiebt Böhmermanns Aussage. Was im Inhalt denunziert wird, wird durch die Art des Aussagens zur Satire – zu einer mit dialogischer Ökonomie. Denn erst Erdogans Reaktion produziert Böhmermanns zweiten Grund: die wahre Denunziation.

Diese Inszenierung der Öffentlichkeit hat nun einen gewissen Selbstlauf bekommen. Denn manchem Erdogan Anhänger fehlt Sinn für Dialektik. Jan Böhmermann steht mittlerweile unter Polizeischutz. Österreich aber muss sich fragen, warum es in der Gedichtsstelle „Recep Fritzl Priklopil“ zwei Österreicher unter die ersten drei gebracht haben.

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Aus dieser Quelle zur weiteren Verbreitung entnommen:

http://www.focus.de/kultur/kino_tv/ist-es-wirklich-so-schlimm-pennaelerhaft-literaturprofessor-analysiert-das-boehmermann-schmaehgedicht_id_5433576.html

Gastbeitrag „Pennälerhaft!“ – Literaturprofessor analysiert das Böhmermann-Schmähgedicht

Donnerstag, 14.04.2016, 18:24 · von FOCUS-Online-Gastautor 

Jan Böhmermann

dpa/Henning KaiserJan Böhmermann

In der aufgeregten Debatte um die sogenannte Schmähkritik, die Jan Böhmermann in seiner Sendung „Neo Magazin Royale“ vorgetragen hat, gibt es mittlerweile so viele, aufgeregte und besonnene, dumme und kluge Stimmen, die die Affäre aus politischer, juristischer, medial-institutioneller Perspektive beleuchten, dass die Sicht eines Philologen auf diese Sache nun wirklich gerade noch gefehlt hat.

Das ist ironisch gemeint – und doch auch wieder nicht.

Denn in der Tat gibt es bei allen extremen Ausfaltungen dieser Diskussion doch einen Konsens darüber, wie geschmacklos und schlecht dieses Gedicht selbst sei, woraus fast alle denselben Schluss ziehen: dass es noch nicht einmal der Mühe wert ist, den Text selbst genauer anzuschauen. Damit umgeht man auch das Paradox der Entschuldigung für eine Beleidigung, die die Beleidigung, um den Gegenstand der Entschuldigung deutlich zu machen, wiederholen muss, allerdings im Modus des Zitats.

Professor Oliver Jahraus

Oliver JahrausProfessor Oliver Jahraus
 
Über den Autor

Oliver Jahraus, geb. 1964, ist Inhaber des Lehrstuhls für Neuere deutsche Literatur und Medien an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Seine Forschungsschwerpunkte sind neben der ‚klassischen’ deutschen Literatur insbesondere Film- und Medientheorien.

Um es deutlich zu sagen: Ich teile diesen Konsens, aber kann als Philologe nicht anders, als den Text dann eben selbst anzuschauen. Philologen verstehen vielleicht nichts von Verfassungsrechten oder großer Politik, sie verstehen aber wohl etwas davon, wie Texte funktionieren, wie sie strukturiert sind, was sie mit Sprache machen, welche argumentativen und rhetorischen Strategien sie anwenden.

Drei Momente, die auch schon in der einen oder anderen Hinsicht in den Diskussionen genannt wurden, können deutlicher herausgestellt werden, wenn man sich dem Text zuwendet.

1. Rahmen

Wann immer ein Philologe einen Text untersucht, muss er wissen, was der Text ist, das heißt vor allem: wo der Text seine Grenzen hat. Es kann hier nicht um das Gedicht allein gehen, das Jan Böhmermann vorgelesen hat, es muss auch um den Rahmen gehen, weil der Rahmen wesentlich dazu beiträgt, wie wir das Gedicht verstehen. Es macht ja auch einen Unterschied, ob wir jemanden im dichten U-Bahn-Gedränge hören, wie er über den Unterschied von Sein und Nichtsein schwadroniert oder eben auf einer Bühne vor zahlendem Publikum. Im ersten Fall wären wir irritiert, im zweiten angerührt.

Auf den ursprünglichen Text (das wäre die Sendung selbst gewesen) können wir nicht mehr zurückgreifen, weil das ZDF sie aus der Mediathek entfernt hat. Für Philologen immer ein Problem. Nun gibt es zwar eine Verschriftlichung, sozusagen ein Protokoll oder Textbuch der Passage im Netz, aber wie im Grundkurs der Theaterwissenschaft gelernt, sehen wir den Unterschied zwischen Drama (schriftlicher Text) und Theater (Aufführung des Dramas im Theater, hier: die gesendete Sendung). Nungut. Selbst innerhalb dieses Textbuchs darf man das Gedicht, genannt Schmähkritik, nicht isolieren, weil es auch hier einen Rahmen gibt, der die Bedeutung des Gedichts verändert. Es wird nämlich angekündigt als ein Text, der nicht durch das Grundrecht der Pressefreiheit gedeckt ist – und das in einer Art von performativem Widerspruch. Was heißt das?

Indem Böhmermann angibt, den Bereich der Pressefreiheit zu verlassen, beruft er sich unausgesprochen eben damit – indem er das sagt – genau auf dieses Recht – zurecht. Der deutsche Soziologe Niklas Luhmann hätte es wohl so formuliert: Wenn man also ein Außen, in dem ein Text als Beleidigung gelten mag, von einem Innen unterschiedet, in dem derselbe Text als Satire gilt, dann will Böhmermann genau auf diesen Unterschied aufmerksam machen, in dem er innen (im Rahmen seiner Sendung, im Rahmen der Ankündigung, etwas Unerlaubtes zu sagen) genau diesen Unterschied wiederholt. Aber das ist eine interne Unterscheidung, die nirgendwo den äußeren Rahmen einer Satiresendung verletzt.

Im Video: ZDF-Intendant Thomas Bellut zum „Fall Böhmermann“

 
FOCUS OnlineZDF-Intendant Thomas Bellut zum „Fall Böhmermann“

2. Grenzen

Neben der Pressefreiheit wird auch die Kunstfreiheit für Jan Böhmermann bemüht. Aber ist das Kunst? Halthalthalt. Wer so fragt, ist schon begrifflich verloren, denn nun wird er nicht anders können als weiterzumachen, bis er bei der Definition angelangt ist: Kunst komme von Können. Wollen wir das wirklich?

Betrachten wir die Geschichte der Kunst, so gibt es große Kunst, aber andererseits ist alles Kunst, was sich selbst als Kunst in irgendeiner Weise zu erkennen gibt. Das eine („große Kunst“) ist ein normativer Kunstbegriff (die Norm lautet: Kunst muss groß sein), das andere ein beschreibender oder formaler Begriff von Kunst.

Wie auch immer: Man erkennt in diesen Tagen nicht immer, wie diese Sphären auseinandergehalten werden. Von Woody Allen gibt es den Witz: In diesem Restaurant ist das Essen so schlecht und auch die Portionen so klein. So etwas kann man in der derzeitigen Debatte häufig nachverfolgen. Die Grenzen zwischen einer moralischen, ästhetischen, politischen und juristischen Beurteilung verschwimmen. Die mangelnde ästhetische Qualität des Gedichts gibt Anlass, an ihrem Charakter als Satire zu zweifeln.

Dazu ist zweierlei zu sagen: Das Gedicht ist ein unzulässig isolierter Textbaustein (siehe: Rahmen), die Berufung auf ein Grundrecht kann nicht mit der Berufung auf ästhetische oder moralische Qualitäten gerechtfertigt werden, und wo es geschieht, sind wir auf dem Weg zur Hölle. Allerdings ist dies in der Kulturgeschichte vielfach geschehen – und damit bin ich beim letzten Punkt.

Im Video: Erdogans Anwalt will bis zur letzten Instanz klagen

FOCUS Online/WochitErdogans Anwalt will bis zur letzten Instanz klagen

3. Geschichte und Geschichten

Blicke ich nun auf das Gedicht selbst, dann ist es schlecht und geschmacklos und pennälerhaft – alles geschenkt, aber es ist auch dramatisch undramatisch. Solche Formen der Schmähungen Mächtiger hat es immer schon gegeben, und wie unterschiedlich wir heute entsprechende Text auch bewerten, wir können entdecken, dass sie in ihrem zeitgenössischen Kontext genauso abgelehnt wurden wie jetzt Böhmernanns Schmähkritik.

Man könnte eine lange Liste großer deutscher Autoren, aus der Literaturgeschichte nicht mehr wegzudenken, auflisten, die ähnliche Erfahrungen wie Böhmermann gemacht haben, was nicht heißen soll, dass ich dem Namen Böhmermann einen Platz in zukünftigen Literaturgeschichten prognostiziere. Und auch ein Blick in den Text des Gedichtes zeigt, dass Böhmermann nicht besonders originell ist.

Ich will nur zwei Elemente herausgreifen, die Metapher und die Überschreitung:

Die sexuelle, (anal-)sadistische, sodomitische Verunglimpfung ist im Grunde genommen ein bekanntes Instrumentarium der Schmähung. Auch Hitler und Kim Jong Un mussten sie erfahren. Für die Macht, die man als Ohnmächtiger zu treffen sucht, gibt es eine Zentralmetapher: die (sexuelle) Potenz. Die abstrakte Macht wird somit als konkrete Sexualkraft angreifbar. Die Macht wird entlarvt, indem sie als Potenz, die versagt, vorgeführt wird. Das Versagen wird wiederum kompensiert durch die Perversion: Pädophilie, Sodomie, Sadismus werden aufgefahren.

Und die Art, wie sie aufgefahren werden, folgt einer Dramaturgie der Überbietung: Jede Perversion wird so eingeführt, dass sie von einer anderen noch überboten wird. Ein anderes Instrument, das hier eher im Hintergrund bleibt, ist das Lächerlich-Machen, man denke an Chaplins Hitler-Parodie. Das alles ist – historisch – bekannt.

Und da ist er wieder, der begrenzte Blick des Philologen, der alles, was er beobachtet, vor der Folie einer historischen Entwicklung beobachtet. Andererseits, so begrenzt ist dieser Blick nicht, denn manchmal kann man selbst heute noch aus der Geschichte lernen. Wie schlimm es auch Schmähkritikern im einzelnen ergangen sein mag, in der long run war ein Kampf gegen Schmähkritik nie erfolgreich. 

Oliver Jahraus ist Herausgeber des Online-Magazins „medienobservationen.lmu.de“, worin Filme und Serien essayistisch analysiert werden.

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Aus dem per ÖVP-Amtsmissbräuche offenkundig verfassungswidrig agrar-ausgeraubten Tirol, vom friedlichen Widerstand, Klaus Schreiner

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“Wer behauptet, man braucht keine Privatsphäre, weil man nichts zu verbergen hat, kann gleich sagen man braucht keine Redefreiheit weil man selbst nichts zu sagen hat.” Edward Snowden.

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