Spiegel: Schlingensiefs Asyl-Container „Du deutsche Sau, du! Du Künstler!“

Finanzmarkt- und Konzernmacht-Zeitalter der Plutokratie unterstützt von der Mediakratie in den Lobbykraturen der Geld-regiert-Regierungen in Europa, Innsbruck am 30.12.2015

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Aus dieser Quelle zur weiteren Verbreitung entnommen: http://www.spiegel.de/einestages/christoph-schlingensief-der-asylbewerber-container-in-wien-a-1065826.html#ref=nl-dertag

Schlingensiefs Asyl-Container „Du deutsche Sau, du! Du Künstler!“

Schlingensiefs Container-Spektakel: Big Brother des HassesFotos
DPA

Im Container mitten in Wien harrten Flüchtlinge ihrer Abschiebung. Die Aktion „Bitte liebt Österreich“ von Christoph Schlingensief löste im Jahr 2000 Tumulte aus – und Demonstranten versuchten, die Asylbewerber zu befreien. Von Benjamin Moldenhauer

 

Ein Container steht auf dem Herbert-von-Karajan-Platz, touristisches Zentrum Wiens, direkt an der Staatsoper. Drinnen wohnen zwölf Asylbewerber und werden permanent gefilmt. Im Web kann man per Livestream verfolgen, wie sie in der Sommerhitze auf ihre Abschiebung warten. Am Container prangen Wahlslogans der Freiheitlichen Partei Österreichs (FPÖ). Auf dem Dach: ein „Ausländer raus“-Transparent und das Logo der auflagenstarken „Kronen Zeitung“.

Auf dem Platz ruft der deutsche Aktionskünstler Christoph Schlingensief die Österreicher per Megafon auf, per Telefon täglich zwei Asylbewerber aus dem Land zu wählen. Touristen sollen Fotos schießen – damit man daheim sehen könne, „was hier los ist in Österreich“.

Die Stimmung war bereits hitzig, als Schlingensief im Juni 2000 seine einwöchige Aktion „Bitte liebt Österreich“ startete. Bei der Wahl im Herbst zuvor hatte die konservative ÖVP Stimmen eingebüßt, die Verhandlungen für eine Große Koalition waren gescheitert. Trotz Ankündigung von Parteichef Wolfgang Schüssel, bei einer Wahlniederlage in die Opposition zu gehen, koalierte seine ÖVP mit der rechtspopulistischen FPÖ, der erfolgreichsten Rechtspartei in Europa. Schüssel wurde Bundeskanzler.

Big Brother des Hasses

Der FPÖ-Vorsitzende Jörg Haider war längst durch eine offen rassistische Politik und antisemitische Einlassungen auffällig geworden, hatte die Waffen-SS verharmlost und die „ordentliche Beschäftigungspolitik“ im „Dritten Reich“ gelobt. „Jeder Asylant holt sofort seine Familie nach und lässt sie gesundheitlich sanieren“, hatte Haider 1998 getönt, „auf Kosten der tüchtigen und fleißigen Österreicher.“


Im Video: Schlingensiefs Aktion „Bitte liebt Österreich“

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Paul Poet

Schnell formierte sich Widerstand gegen die neue Regierung. Auf wöchentlichen Donnerstagsdemos wurden die Absetzung Schüssels und Neuwahlen gefordert. Demonstranten gerieten mit der Polizei aneinander, es gab Verletzte. Die 14 EU-Staaten reduzierten ihre diplomatischen Beziehungen zu Österreich; Israel und die USA zogen ihre Botschafter ab.

In diesem Klima traf Schlingensiefs Container-Aktion, Teil des Kulturfestivals Wiener Festwochen, einen Nerv. FPÖ-Slogans wie „Stop der Überfremdung! Österreich zuerst“ verknüpfte Schlingensief mit der skandalträchtigen Fernsehshow „Big Brother“, die 2000 in Deutschland zum ersten Mal ausgestrahltwurde. Er wolle Bilder produzieren, „die Jörg Haider und seine Parolen einfach mal beim Wort nehmen“, erklärte Schlingensief in einer Fernsehdiskussion. Die FPÖ-Kulturpolitikerin Heidemarie Unterreiner verlor prompt die Fassung und nannte ihn einen „eingekauften Agitator“.

Tag 3: Aufmarsch der Wutbürger

 

Am Anfang war es noch ruhig. „Das hat, ganz klassisch österreichisch, zwei Tage gebraucht, bis man es überhaupt registriert, dann ist es hochgekocht“, erinnert sich der Wiener Filmemacher Paul Poet, der die Aktion in seinem Film „Ausländer raus. Schlingensiefs Container“ dokumentierte.

Am dritten Tag füllte sich der Herbert-von-Karajan-Platz mit aufgewühlten Menschen, die miteinander stritten und Schlingensief und sein Team beschimpften – angestachelt vom Regisseur am Megafon: „Das ist ein Test: Wie bescheuert ist eure Koalition? In ganz Europa und den USA gibt es Fotos mit ‚Ausländer raus‘. Österreich macht sich gerade selber schlecht. In Deutschland wäre so ein Schild nach einer Stunde weg. Ihr habt ein Problem.“

Wer war Christoph Schlingensief?
  • DPA

    Ein Moralist und Provokateur, irrlichternder Aktionskünstler, Regisseur und Autor, kurzum: ein Derwisch. Christoph Maria Schlingensief (geboren 1960, gestorben 2010) drehte in den Neunzigern Underground-Filme wie „Das deutsche Kettensägenmassaker“ oder „Terror 2000 – Deutschland außer Kontrolle“. Er führte Regie an der Berliner Volksbühne und wurde 1998 mit der Gründung der Partei „Chance 2000“ und der TV-Show „Talk 2000“ einem breiten Publikum bekannt. 2004 inszenierte er bei den Wagner-Festspielen in Bayreuth den „Parsifal“.

So heftige Tumulte habe man, sagte Schlingensief später, nicht erwartet: „Dieses Ding hier war ein riesiger Katalysator, eine riesige Kläranlage.“ Paul Poet hielt mit der Kamera denkwürdige Szenen fest: „Auf der ganzen Welt wird Krieg geführt, da macht keiner was gegen, und wir sollen spenden!“, rief eine Wiener Wutbürgerin. Ein Mann formulierte seine Ablehnung des Asylrechts: „Da kommt nicht die Intelligenz, da kommt der letzte Rest.“

Um das unvorteilhafte Bild seiner Landsleute korrigieren, bot ein anderer an, Ausländer bei sich zu Hause aufzunehmen. Nachts versuchte ein Mann unter Gebrüll, das „Ausländer raus“-Transparent herunterzureißen: „Welche gemeinen Schweine haben das genehmigt?! Ich bin Österreicher, aber ich bin für die Ausländer“, seine Frau sei „Halb-Ausländerin“. Als Dauergast auf dem Platz schrie eine weißhaarige Frau mit schriller Stimme immer wieder „Piefkes raus! Ausländer rein!“ Schlingensief warf sie eine Wasserflasche und eine finale Beleidigung an den Kopf: „Du deutsche Sau, du! Du Künstler!“

„Das wirkte schon bedrohlich“

Dietrich Kuhlbrodt, Hamburger Schauspieler und Staatsanwalt a.D., trat als gerade aus Brüssel zurückgekehrter CDU-Politiker auf. „Wir trafen auf ein Unisono der Ablehnung“, erzählt er. „Die Touristenbusse konnten auf dem Platz nicht mehr parken, wir störten die Gesangsproben an der Oper. Die FPÖ-Anhänger meinten, wir wollten ihren Haider verhindern, alle anderen regten sich über die Beschmutzung Österreichs auf. Wenn man die Leute auf dem Platz sah, wirkte das schon bedrohlich.“

Am dritten Tag wurde ein Buttersäureanschlag auf den Container verübt, mehrere Menschen versuchten nachts, in den Container einzudringen. Eine Brandbombe wurde am Eingang deponiert, war aber defekt.

Die Hysterie schürte die „Kronen Zeitung“. So berichtete das österreichische Pendant zur „Bild“, Schlingensief habe ein Geschäft gestürmt. Tatsächlich hatte der Schauspieler André Wagner, als Schlingensief verkleidet, mit einem Container-Bewohner eine Boutique am Kärtner Ring besucht, um ihm zu zeigen, „was er kaufen könnte, wenn er etwas kaufen dürfte“.

In Poets Doku wirkt die Episode eher entspannt: Schauspieler, Asylbewerber und Security betreten den Laden, bekommen Hausverbot, gehen wieder raus. Der Besitzer erstattete Anzeige wegen Hausfriedensbruchs, die „Krone“ schrieb tags darauf: „Es war wie ein Terrorüberfall.“

Was ist echt, was Performance?

Auch die Gegendemonstranten wurden Teil der Inszenierung. Schlingensief verweigerte den Schulterschluss und proklamierte: „Widerstand ist vorbei. Sie müssen Widersprüchlichkeiten erzeugen.“ Am vierten Tag kam es zur Container-Stürmung. Die Transparente wurden zerstört, die Asylbewerber „befreit“ und vom Team aus Sicherheitsgründen in ein Hotel gebracht.

Der Triumph währte nur kurz. Poet zeigt im Film, wie die Ausstatterin Nina Wetzel einem betreten blickenden Demonstranten erklärt, warum das Quatsch war: „Dieses Ding hier hat doch vor allem die FPÖ gestört, da tut ihr denen doch einen Gefallen, wenn ihr das entfernt. Und was heißt ‚Freiheit für die Asylanten‘? Wenn du hier rauskommst, ist da draußen keine Freiheit. Die dachten doch, die werden umgebracht von euch.“

 

Am nächsten Morgen zogen die Asylbewerber wieder in den Container ein. Auf der Abschlusskundgebung traten die Einstürzenden Neubauten auf, der Gewinner bekam eine Aufenthaltsgenehmigung und Telefonnummern von Frauen im heiratsfähigen Alter. Ob die Asylbewerber nun echt oder Schauspieler oder womöglich beides waren, was überhaupt „Theater“ und was „authentisch“ war – Schlingensief streute maximale Verwirrung. So oder so, Paul Poet nennt es „eine wahnsinnig befreiende und lustige Zeit“. Und lehrreich zudem.

Die Hysterisierung sei ein wichtiger Bestandteil seiner Arbeit, erklärte Schlingensief. In Wien ist sie gelungen: „Bitte liebt Österreich“ ließ deutlich werden, dass Rassismus und Nationalismus wahnhafte Phänomene sind. Man braucht, um das zu sehen, die Leute nur ein bisschen zu kitzeln.

Christoph Schlingensief starb 2010 im Alter von 49 Jahren an Lungenkrebs. SeineWebseite zum Wiener Spektakel besteht fort. Die Pegida-Aufwallungen, die Flüchtlingskrise, die überraschende Hilfsbereitschaft und den gleichzeitigen Schwall von Fremdenfeindlichkeit: Er hat all das nicht mehr erlebt. Man wüsste zu gern, wo Schlingensief heute wäre, welche Aktion er starten und welchen Platz er wählen würde.

Zum Autor
  • Autor Benjamin Moldenhauer lebt in Bremen und schreibt vor allem übers Kino. Studiert hat er Soziologie, Philosophie und Kulturwissenschaften, unter anderem in Wien. 2016 erscheint seine Dissertation über US-Horrorfilme.

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Siehe auch:

http://www.aktivist4you.at/2015/10/01/auslaenderfeindlichkeit-x-fach-preisgekroente-oesterr-doku-wird-in-oesterreich-den-oesterreichern-vorenthalten-schlingensiefs-container-auslaender-raus-auslaender-raus-ein-kunstprojekt-des/

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Aus dem per ÖVP-Amtsmissbräuche offenkundig verfassungswidrig agrar-ausgeraubten Tirol, vom friedlichen Widerstand, Klaus Schreiner

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“Wer behauptet, man braucht keine Privatsphäre, weil man nichts zu verbergen hat, kann gleich sagen man braucht keine Redefreiheit weil man selbst nichts zu sagen hat.” Edward Snowden.

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